Von Nina Grunenberg

Die „Nachfrage nach großen Männern“ ist derzeit so heftig wie gegen Ende des letzten Jahrhunderts, als Jacob Burckhardt sich notierte: „Die großen Männer sind die, welche ... sich rittlings auf den Abgrund setzen.“ Das Wort ist etwas dunkel, aber es paßt auf Cornelius Weiss, den Rektor der Universität Leipzig. Vor zwei Jahren ließ sich der drahtige Mann mit dem Bürstenhaarschnitt und den Elefantenohren von den Reformkräften und von jenen, die Weiss’ weiße Weste als Alibi nützlich fanden, auf den Sessel der Leipziger Magnifizenz nötigen – widerstrebend, doch ergeben im Geiste protestantischer Pflichterfüllung. Seitdem sitzt er dort, wo Burckhardt große Männer ortete: über einem Abgrund.

Die Leipziger können es schon nicht mehr hören; am liebsten würden sie es auch vergessen, daß ihre traditionsreiche Universität, fast 600 Jahre alt und als „Tochter Prags“ geehrt, die bevorzugte Kaderschmiede des SED-Regimes war, das „rote Kloster“, die „feste Burg der alten Garde“, und daß sie sich davon nur schwer erholt. „Leipzig war vor Jena rot“, sagt Weiss, „und auch vor Berlin.“ Während die Quote der Parteizugehörigkeit bei den ehemaligen DDR-Professoren im Durchschnitt auf achtzig Prozent geschätzt wird, sollen es in Leipzig neunzig gewesen sein. Wenig erstaunlich war deshalb, daß sich viele Hochschullehrer der Wende verweigerten. Als 1990 Gremienwahlen anstanden, blockierten und dominierten die alten Kräfte das Konzil und versuchten, sich untereinander zu wählen. Nur ein einziger Prorektor trat freiwillig zurück. Alle anderen Führungskader erklärten sich für unbelastet.

Fast noch größer als bei den Professoren war der Widerstand bei den Studenten. Als Privilegierte des alten Systems waren sie stolz darauf, an der Wende nicht beteiligt gewesen zu sein. In den Köpfen derjenigen, die in den letzten Jahren der DDR auf eine Reform des sozialistischen Systems gehofft hatten, hinterließ der Herbst 1989 eine geistige Trümmerlandschaft. Cornelius Weiss wurde das deprimierend deutlich, als er die Studenten im Oktober 1992 zur Immatrikulationsfeier in das Gewandhaus einlud. Als Redner hatte er den ersten frei gewählten Studentenratsvorsitzenden nach dem Kriege, Wolfgang Natonek, eingeladen. Es sollte ein Akt der Wiedergutmachung sein. Die Universität hatte 1948 nichts unternommen, als Natonek von den Russen wegen seiner demokratischen Gesinnung festgenommen und zur Zwangsarbeit verurteilt wurde. Als der alte Herr jetzt seine Geschichte erzählen wollte, verließ ein Teil der Studenten den Festsaal. Es war nicht interessant für sie, registrierte das Rektorat betroffen. Viele Leipziger Studenten empfinden den Trend der Zeit als reaktionär.

Nur mit Hilfe der Arbeiter und Angestellten der Universität und der Angehörigen des Mittelbaus war es 1990 gelungen, eine reformorientierte Mehrheit im Konzil herzustellen. Daß die Blockade der alten Kader gesprengt war, stand fest, als sich eine Mehrheit bereit fand, gegen den alten Namen der Universität zu stimmen. Seitdem heißt Leipzigs Hochschule nicht mehr Karl-Marx-Universität.

Die zweite Aufgabe, die das Konzil hatte, war die Wahl eines neuen Rektors. Niemand drängte sich freiwillig vor. Der alte Rektor bat Weiss zu sich. Wie immer, wenn er von der „Leitungsebene“ gerufen wurde, war er ängstlich, erinnert er sich. „In Jeans und mit offenem Hemd saß ich da und mußte laut lachen, als der Rektor mich fragte, ob ich kandidieren möchte. Ich kannte die Strukturen der Uni kaum und hatte auch kein festes Konzept. Aber der Rektor sagte nur: ‚Dann können Sie auch nicht mehr vom Turm blasen und von Erneuerung reden.‘“

Im Konzil hatte er fünf Minuten Redezeit, um sich zu empfehlen. Die anderen Kandidaten, die aufgetrieben worden waren, sprachen von Finanzen und von ihren Beziehungen ins Ministerium nach Dresden. Davon hatte Weiss wenig Ahnung. Aber, sagte er, „als Naturwissenschaftler weiß ich, daß das Endziel nicht gleich beim ersten Schritt erreicht werden kann“. Er ist theoretischer Chemiker und redete also über das Nächstliegende: „Es geht nicht an, daß die Helden der alten Zeit sich an ihre Chefsessel klammern...“ Es geniert ihn noch heute, wenn er daran denkt, wie populistisch er redete, aber es waren genau die Worte, die seine Wähler hören wollten. Er zog ins Rektorat ein, lernte, daß er seine Post nicht mehr mit nach Hause nehmen durfte, und verkraftete die ersten Enttäuschungen über Kollegen, die ihre Vergangenheit gar zu treuherzig unterschlugen. Wenn er Sich von allen guten Geistern verlassen fühlte, verließ er sich auf seine alte Hausregel: „Ich folge meinem Herzen.“