In der Korruption war Japan schon immer Spitzenreiter. Obwohl sich das Land seit Jahrzehnten zum Kreis der westlichen Demokratien zählte, blieb dieser Mangel zurück. Nippon war machiavellistischer als Italien und korrupter als Sizilien. Doch seine Politiker haben seit 38 Jahren mit einer einzigen Partei über den erstaunlichsten Wirtschaftsaufschwung dieses Jahrhunderts regiert. Endet das Wunder nun im Gefängnis?

Seit Shin Kanemaru, der 78 Jahre alte ehemalige Fraktionschef der Liberaldemokraten, am vergangenen Sonntag wegen Steuerhinterziehung eine Haftzelle in Tokio bezog, bröckelt das Selbstbewußtsein der bisher so stolzen Nation. Nicht etwa, weil die bislang für unbesiegbar erklärte Wirtschaft des Landes in eine tiefe Rezession gesunken ist. Solcherlei Rückschläge des Schicksals konnten die Japaner immer verkraften. Aber welche Strafe droht, wenn der Kapitän als erster das sinkende Schiff verläßt?

Sieben Jahre lang war Kanemaru der versteckte König im Land. Er bestimmte uneingeschränkt über die letzten drei Premierminister, darunter den noch amtierenden Kiichi Miyazawa. Schon sein Rücktritt im Oktober vorigen Jahres war durch Skandale erzwungen. Seine Verhaftung macht das Paradox perfekt: Denn waren nicht die sieben Kanemaru-Jahre die erfolgreichsten in Japans Geschichte?

Nun fühlen die Japaner den kalten Stein in Kanemarus schlichter Zelle wie den Boden einer neuen Wirklichkeit. Es geht nicht mehr nur um die Wut auf die Politiker. Kanemaru wird von der Staatsanwaltschaft vorgeworfen, sein Vermögen in Form von nicht meldepflichtigen Pfandbriefen dem Zugriff des Finanzamts entzogen zu haben. So banal, wie das klingt, so nützlich war dieses Geldversteck bislang für die Politiker. Mit der Aufdeckung der Pfandbriefe, so vermuten Insider, könnte die Staatsanwaltschaft die ganze Regierungspartei auffliegen lassen. Bevor die Japaner der Wahrheit auf den Grund gehen, bleibt freilich ungeklärt: Wie korrupt ist die Staatsanwaltschaft?

G. B.