Nicht um den Duft der Frauen geht es, sondern um die Nase der Männer. Von Dino Risis Original "Profumo di donna" (1974) ist nichts als der blinde Held übriggeblieben, der einen besonderen Riecher für die Freuden des Lebens hat. Damals wurde er von Vittorio Gassman gespielt, heute ist es Al Pacino, dem sein zweiter Frühling jetzt wohl endlich einen Oscar bescheren wird. Das wäre nur gerecht, denn Pacino ist neben DeNiro, Nicholson und Hoffman der einzige Star, der sich jeden Film spielend anverwandeln kann: "Der Pate" und "Serpico", "Panik im Needle Park" und "Dog Day Afternoon", "Sea of Love" und "Glengarry Glen Ross".

"Scent of a Woman" bietet jene Art von Genuß, der langsam auf der Zunge zergeht: filmisches Eiskonfekt. Pacino kostet seine Rolle Satz für Satz aus, mit einem Gespür für den schmalen Bereich, in dem Identifikation und Ironie sich überschneiden. Und Martin Brest hat genau die Szenen geschrieben, die ihm diesen Spielraum lassen: wenn der Blinde nach einer halsbrecherischen Probefahrt mit einem Ferrari einen Polizisten hinters Licht führt oder wenn er eine junge Frau in die Geheimnisse des Tangos einführt.

Nach der "Rentner-Gang" hat Martin Brest "Beverly Hills Cop", "Midnight Run" und "Der Duft der Frauen" gedreht. Zusammen haben diese Filme vielleicht keinen einheitlichen Stil, aber ihr Erzählen hat System, schon deshalb, weil sich Eddie Murphy, Robert DeNiro und Al Pacino durch die gleiche Beredsamkeit auszeichnen, durch ein loses Mundwerk, das aus Worten Waffen formt. Erst mit der Zeit wird klar, daß sie sich damit nicht nur Gegner, sondern vor allem Gefühle vom Leib halten wollen. Im selben Maße, wie sie sich selbst verstecken, locken sie ihre ungleich schweigsameren Partner aus der Reserve. In diesem Fall ist das der junge Begleiter (Chris O’Donnell), der an einem Thanksgiving-Wochenende auf den blinden Colonel (Pacino) aufpassen soll. Der nimmt ihn erst einmal mit nach New York, wo er ihm die Augen öffnet für die Schönheiten der Welt.

Brest macht aus einer Idee zwei Geschichten: Das Wochenende in New York wird überschattet von der Frage, ob der Junge die Teilnehmer eines College-Streichs an den Direktor verraten oder ob er sie decken und sich damit seine Zukunft verbauen soll. Die beiden Geschichten stehen sich im Weg und müssen am Ende mit jeder Menge Pathos mühsam versöhnt werden. Wenn "Rain Man" dann vor dem "Club der toten Dichter" steht, dann riecht "Der Duft der Frauen" gewaltig nach faulem Kompromiß. Michael Althen