Deutschland ist aufgebaut auf gekämmter Erde. Mit unzähligen sorgfältigen Harkenstrichen gestriegelt und gesäubert. Es darf nichts liegenbleiben. Was nicht weggeharkt werden kann, muß gefegt werden. Als ich vor Jahren ein Häuschen in einem Dorf kaufte, ermahnte mich ein amtlicher Brief des Bürgermeisters, bis Samstag 14 Uhr die Straße vor meinem Haus zu fegen.

Immer wieder und mit gleicher Inbrunst schlägt der Rhythmus der Harkenden und Fegenden. Es ist das Pochen des deutschen Herzens. Nimm einem Deutschen die Harke oder den Besen, und er wird erfinderisch, bindet sich Äste oder Reisig zusammen, und die Rhythmusstörung ist bald überwunden. Am deutschen Besen wird die Welt genesen.

Auch die Felder werden geharkt. Wenn die Schneedecke schmilzt und das erste zarte Grün des Winterweizens aufkeimt, sieht man die geraden Linien bis zum nächsten Feldweg. Streng ausgerichtet, wie Bataillone von Soldaten aufgereiht, warten die Felder auf die wachsende Frucht. Selbst die Bäume stehen in Reih und Glied. Auch im deutschen Wald liegt nichts herum. Man hört förmlich den Befehl des Försters: „Bäume, reißt euch zusammen! Laßt nichts auf die Erde fallen!“

Nur die Bäche und Seen bringen ein bißchen Unordnung in die deutsche Landschaft. Doch wo sie es gar zu arg treiben, werden sie reguliert, begradigt, mit Betonufern versehen oder einfach überbaut. Wo käme man denn hin, wenn man alles so ließe, wie es der Natur gerade gefiel?

Andererseits, Natur pur, das soll es schon sein. Wenn an milden Wintertagen die kalte Sonne ihr milchiges Licht schräg aufs Land fallen läßt, ergreift den Betonmenschen ein unwiderstehliches Verlangen. Hinaus aus grauer Städte Mauern, auf Pfaden durch grau-schwarz-braune, schlafende Natur. Marschiert wird, mit Händen in den Taschen, frierenden Ohren und laufender Nase. Rechts – links – rechts – links, geradeaus, dann links und wieder zurück. Dann die Treppe hoch, rechts – links, rechts – links, und stillgestanden! Den Schlüssel ins Loch, die Schuhe abgeputzt, rechts – links – rechts – links. Hinein in die gute Stube! Yolanda Entz