Von Gero von Randow

Die Bonner Politik bietet zwar viele Grotesken, aber das fortgesetzte Scheitern deutscher Spitzentechnik im neuen Plenarsaal des Bundestages ist besonders unterhaltsam – und noch dazu ein Lehrstück für die Ingenieurszunft.

Die Auftritte von Politikern bedürfen, ähnlich denen von Rockgruppen, der elektronischen Stütze. Hier wird es interessant. Denn wie so oft in der Technik sollen mehrere Anforderungen erfüllt werden, die einander widersprechen. Zunächst einmal hat die Wiedergabe „richtungsgetreu“ zu sein – die verstärkte Rede soll scheinbar von dort herrühren, wo tatsächlich gesprochen wird. Um dieses Stück virtueller Realität in den Bundestag zu holen, hängten die Techniker aus dem Hause Siemens eine sogenannte Ampel unter die Decke – ein metallenes Gebilde, bestückt mit vielen Lautsprechern. Sie sollten, unterstützt von kleineren Lautsprechern (den „Satelliten“), so angesteuert werden, daß sich ein räumlicher Effekt ähnlich wie beim Stereohören einstellt.

Eine zusätzliche Anforderung lautet: freie Sicht auf den Adler, vor allem für das Fernsehvolk. Weshalb die Ampel acht Meter hoch aufgehängt wurde. Und schließlich: Wenn’s im Parlament rumort, muß der Redner seine Stimme erheben können. Speziell die Präsidentin soll, wenn das Hohe Haus in seiner Gesamtheit ein demokratisches Geräusch von, sagen wir, achtzig Dezibel produziert, mit neunzig Dezibel zur Ordnung rufen können.

Das alles zusammen geht leider nicht. Damit das verstärkte Wort die Volksvertreter erreicht, muß die Ampel ordentlich Saft bekommen. Der Schalldruck wandert zum Teil nach unten und trifft dort auf den Parkettboden, der im Fall des Bonner Baus wie eine Bongotrommel schwingt. Weitere Druckwellen bewegen sich seitwärts, prallen vom schußfesten Glas des Gebäudes ungedämpft wieder ab, und da alles so schön rund ist, konzentrieren sich die Schallwellen wie in einem Brennglas in der Mitte des Raumes. In etwa dort, wo die Mikrophone des Redners und der Präsidentin stehen. Das geht bis zu einer Lautstärke von knapp 75 Dezibel gut, dann setzt eine Rückkopplung ein, und es brummdröhnt im Parlament. Mit anderen Worten: Richtig laut dürfen Präsidentin und Redner nicht werden.

Das sind noch nicht alle Mißlichkeiten. Filz und verhüllende Vorhänge haben im Parlament neuen Typus nichts zu suchen, statt dessen herrschen klare Linie und Transparenz. Die Folge: Schallwellen werden vielfach reflektiert und überlagern einander häufig. Das wäre kein Problem für eine herkömmliche Lautsprecheranlage, doch die ausgeklügelte Steuerung, mit der die Richtungsillusion erzeugt werden soll, wird von diesen Effekten immer wieder ausgetrickst. Kleine Softwarefehler sorgen für weiteren Verdruß, und dann gibt es auch noch den nicht idiotensicheren Schalter „Vorrang Präsident“, mit dem wahrscheinlich während der historischen Parlamentssitzung am 24. November 1992 dem Redner aus Versehen die Verstärkung entzogen wurde (siehe ZEIT Nr. 50/92, Seite 41). Zu diesem Zeitpunkt hatte die unzulängliche Technik bereits an den Nerven der Parlamentarier gesägt, weshalb ihnen schließlich der Geduldsfaden riß.

Der Ingenieurnachwuchs kann hieraus künftig zweierlei lernen. Erstens, daß mehrere, keineswegs utopische Anforderungen einander zuweilen ausschließen. Und zweitens, daß sich verschiedene Fehler gelegentlich zur gleichen Zeit bemerkbar machen.