Von Ulrich Schnabel

Christel Lauterbach seufzt am Telephon: "Muß das sein?" Die Pressereferentin der Universität Gießen würde lieber über neue Forschungsergebnisse berichten, doch derzeit beherrscht ein ganz anderes, unangenehmes Thema die Gießener Hochschullandschaft: Hat ein Wissenschaftler Meßergebnisse manipuliert? Darf die Universität bei einem solchen Verdacht eingreifen? Oder kann jeder Wissenschaftler publizieren, was er mag?

Der Fall, der mittlerweile die hessischen Gerichte beschäftigt, begann vor fünf Jahren. Damals veröffentlichte der Gießener Professor Wolfgang Lohmann in der Zeitschrift Naturwissenschaften Forschungsergebnisse, die weithin Aufsehen erregten: Anscheinend hatte der Biophysiker eine sensationell einfache Methode entdeckt, Hautkrebs aus pigmentierten Hautzellen zu diagnostizieren. Der "schwarze Krebs", sogenannte Melanome, steigt seit Jahren weltweit an und führt schätzungsweise bei einem Fünftel aller Patienten zum Tod. Eine frühe Diagnose ist jedoch schwierig, denn normalerweise muß dazu Gewebe verdächtiger Hautstellen herausgeschnitten werden. Wolfgang Lohmann meinte dagegen, Pigmenttumore schon an dem Fluoreszenzlicht zu erkennen, das sie nach einfacher Bestrahlung mit einer Hundert-Watt-Hochdrucklampe abgeben. In seiner Veröffentlichung schrieb er 1988, die vorgeschlagene Analyse des Fluoreszenzlichtes scheine "sehr nützlich zu sein" für eine Unterscheidung zwischen harmlosen Muttermalen und Melanomen. Gleichzeitig verwies er auf die beeindruckenden Vorteile dieser Methode: Unnötiges Operieren, kosmetische Verunstaltung und eine lange angsterfüllte Wartezeit des Patienten auf das histologische Resultat könnten vermieden werden.

Lohmann, von Fachkollegen als "hoch intelligent, fast schon genial" beschrieben, verstand es auch, seine Ergebnisse publikumswirksam an den Mann zu bringen. Selbst die Frankfurter Allgemeine Zeitung berichtete damals über die neue Diagnosemethode mit dem Hinweis, ein "praxistaugliches Gerät" sei in Entwicklung. Dieses Gerät gibt es bis heute nicht. Dafür wurden erhebliche Zweifel laut an der Seriosität von Lohmanns Umgang mit Meßdaten. Einer seiner Mitarbeiter, der akademische Oberrat Harald Neubacher, erhob im Mai 1990 schwere Vorwürfe gegen seinen Chef: Er, Neubacher, habe in Gesprächen mit Diplomanden und Doktoranden "Diskrepanzen" entdeckt zwischen den Meßergebnissen, die im Institut gewonnen worden seien, und jenen, die Lohmann veröffentlicht habe. Und dies nicht nur einmal: Vielmehr hielten auch zahlreiche weitere Publikationen mit scheinbar spektakulären Ergebnissen "einer wissenschaftlichen Prüfung nicht stand". Nach Neubachers Ansicht ist "aufgrund der Art und Weise", wie sein Vorgesetzter arbeite, die Hochschule beziehungsweise der Fachbereich Physik verpflichtet, einzugreifen.

Was tut die scientific Community in solch einem Fall? Die Gießener Professorenschaft bemühte sich nach Kräften, den vermeintlichen Skandal intern zu regeln. Der damalige Dekan des Fachbereiches berief eine Ad-hoc-Kommission ein, um die "Kontroverse Lohmann-Neubacher" zu klären und "die Wahrheit zu suchen und zu bekennen". Da man um das Ansehen der ganzen Universität fürchtete, wurden alle Beteiligten jedoch "dringend" aufgefordert, "große Zurückhaltung" in der Öffentlichkeit zu üben.

Die wissenschaftliche Wahrheitssuche erwies sich aber als enervierend schwierig. So konnten die Vorwürfe gegen Lohmanns erste Veröffentlichung nie geklärt werden, da die Unterlagen aller 82 untersuchten Fälle unauffindbar waren und der Fluoreszenzforscher auch "keinerlei Angaben" über deren Verbleib machen konnte. Allerdings mußte der Biophysiker einräumen, daß ein mehrfach veröffentlichter Fall, der seine Untersuchungsmethode besonders eindrücklich bestätigt hatte, auf falschem Datenmaterial beruhte. Lohmann gab diesen Fehler zwar zu, sah sich selbst aber frei von Schuld. Der 62jährige Professor erklärte das "Mißgeschick" damit, daß die Daten im Computer gespeichert waren und er sich damit nicht auskannte. Daher habe er sich auf die Angaben seiner Studenten und Mitarbeiter verlassen müssen. Damals kündigte er die Publikation eines "Erratums" an, einer Richtigstellung.

Daß dies bis heute nicht geschehen ist, entschuldigt der Biophysiker damit, daß er sich schon in der nächsten Kommissionssitzung mit weitergehenden Vorwürfen habe auseinandersetzen müssen. Eine Analyse neuerer Untersuchungen schien nämlich ebenfalls keinen Hinweis zu liefern auf das von Lohmann angeblich entdeckte Identifizierungsmerkmal für Melanome. Daraufhin nahm sich der Biophysiker das klinische Material noch einmal, vor, strich die Liste von 206 ursprünglich untersuchten Fällen auf 148 zusammen und präsentierte der zunächst beeindruckten Kommission eine Auswertung, die eine statistische Signifikanz seiner Fluoreszenzmethode zu belegen schien. Doch warum waren fast sechzig untersuchte Fälle für die Studie plötzlich nicht mehr relevant? Oberarzt Martin Nilles, der zusammen mit Lohmann die Untersuchungen in der Hautklinik Gießen durchführte, kann dazu nur sagen: "Das weiß ich nicht."