Von Reinhard Baumgart

Warum Aphorismensammlungen eine so lähmende Lektüre sein können, das ist leichter zu begreifen, zu begründen als das Gegenteil: was nämlich den Leser über Canettis neuesten „Aufzeichnungen“ so hellwach hält. Es ist das Abgerundete, das geschliffen Endgültige aphoristischer Einsichten, das den Leser festlegt auf die Rolle des Zustimmers, des Nickers; es ist das Blitzartige ihrer Befunde, ihre Geistesgegenwart, die ihn überrumpelt; es ist ihr Witz, der, kaum begriffen, schon schal zu schmecken beginnt. Max Frisch, der seiner eigenen Neigung zum aphoristischen Notat mit Recht mißtraute, formuliert seinen Verdacht so: „Der Aphorismus gibt keine Erfahrung. Er entspringt wohl aus einer Erfahrung, die er ins Allgemeine überwinden möchte; der Leser aber, der bei der Erfahrung nicht dabei war, vernimmt nur dies Allgemeine, das sich für gültig erklärt...“

Das ist ein langer, bedenklicher Angang auf ein sehr schmales Buch zu, den dritten Band der „Aufzeichnungen“, den Canetti nun vorlegt, nach den Sammlungen „Die Provinz des Menschen“ und „Das Geheimherz der Uhr“, in denen ähnliche Notizen, Gedankenfragmente aus den Jahren 1942 bis 1985 veröffentlicht wurden. Das Fragmentarische, der jähe Einsatz, der abrupte Abbruch, fällt an diesen Notaten als erstes ins Auge, und mehr als einmal hat Canetti erläutert, wie sie zustande kommen, als „Einfälle nämlich, die manchmal unerträgliche Spannung, oft aber auch großer Leichtigkeit entspringen“. Ob aber leicht oder gespannt, „Spontaneität“ ist „die Lebensluft solcher Aufzeichnungen“. Was in ihnen auch immer zur Sprache kommt, „es muß auftauchen, als käme es von nirgends her und führe nirgends hin, es wird meist kurz sein, rasch, blitzartig oft, ungeprüft, ungemeistert, uneitel, und ohne jede Absicht.“ Daß die veröffentlichten Aufzeichnungen freilich, lange abgelagert, spät überprüft, nur eine wohlüberlegte Auslese aus einem offenbar riesigen und wirren Vorrat an solchen jäh notierten Einfällen sind, muß gleich hinzugefügt werden. Der Autor hat also doch geordnet, und das versuchen nun auch wir, die Leser.

„Blitzartig oft“, wie Kometenschwärme, ziehen diese Kurzgedanken, knapp aufleuchtend, rasch verlöschend, über die Seiten: „Nichts ist mir unerträglicher als die Mechanik des Denkens. Darum zerbreche ich seinen Gang nach jedem Satz“, so begründet Canetti die Dramaturgie seines Schreibens. Denn: „Eine Aufzeichnung muß wenig genug sein, sonst ist sie keine.“ Nur absichtslos bleiben, heißt das, Raum lassen für das Nachdenken des Lesers, nichts Systematisches, keine Totalität wollen. „Wenig genug“, diese geballt paradoxe Fügung enthält, bescheiden und selbstbewußt, das ganze Programm.

Wie aber zwingt man sich zum Fragment, zur Kürze? An Pascal, an den „Pensées“ bewundert Canetti, was wir nun an ihm bewundern können, die „Reinheit“ des „Ansatzes“ und: „daß er immer unterbricht. Leicht gesagt und trotzdem schwer zu begreifen, diese Kunst von Anfang und Ende mit so wenig Raum dazwischen. Daß er selbst ein stürmischer, ein hocherregter Redner sein kann, ein Mensch mit langem Atem eigentlich, der sich in der Niederschrift dämpfen, bändigen will, sich zu kürzesten Sätzen zwingt, deutet Canetti auch in diesen Aufzeichnungen an als eine Motivation für sie. Auch deshalb wirken sie nie still, beruhigt, auskristallisiert, sondern geladen und dynamisch, wie kurze Sprünge, die noch vor der Landung, noch in der Luft abbrechen können. „Das Denken verliert seine Wucht, wenn es zum Alltag wird, es soll sich von fernher auf seine Gegenstände stürzen.“ Ja, ohne Aggression – und das heißt wortwörtlich doch nur: aufdringlich nah an einen Gegenstand herangehen, auf ihn eindringen – ohne Aggression also ist dieses kurze, jähe Denken nicht zu denken.

Wie Sprünge formuliert Canetti seine allerknappsten Gedanken, die sozusagen schon im „Ansatz“ wieder „unterbrochen“ werden, doch in die längeren setzt er mittenrein einen Sprung, einen Riß, einen Widerhaken, der nun die Teile zueinander spannt. Was eben noch klar schien, beginnt plötzlich zu blenden, dann sich zu verdunkeln, dann hinüberzudämmern in eine neue Helligkeit. „Sehr vieles weiß man von den Menschen, die man liebt“ – so weit, so gut, doch dann, in einem knappen Nachsatz, erlischt die schöne Klarheit, denn der heißt: „... und hält es doch nicht für wahr.“ Oder: „In den meisten Religionen heuchelt der Mensch Erniedrigung“ – Pause, Riß – „und springt dann hinterrücks wütend in die Höhe.“ Oder, diesmal ein Dreisprung: „Er ist klug wie eine Zeitung. Er weiß alles. Was er weiß, ist jeden Tag anders.“

Und damit bin ich, zitierend und zitierend, nickend und bewundernd, der Verführung schon erlegen, mich lesend so passiv, so nur hinnehmend zu verhalten wie der landläufige Sammler landläufiger Sinnsprüche, die neuerdings schon auf Zigarettenpapier zu haben sind, zum Weglecken. Und, Hand aufs Herz, das letzte Zitat zeigt auch Canetti nicht in seiner ganzen Stärke. Könnte das nicht, fast, von Johannes Groß sein? Fast, an der blendenden Oberfläche nämlich, die nur geistreich, eitel nach der Pointe schielt.