Es ist schon mühsam, die Zahl zu schreiben: eine Million sechshundertsiebenunddreißigtausend Milliarden Lire; in Ziffern – 1637, gefolgt von 12 Nullen. Umgerechnet rund 1,7 Billionen Mark. So hoch sind die italienischen Staatsschulden. Das riesige Loch, das in den achtziger Jahren leichtfertig in den Staatshaushalt gerissen wurde, wächst ständig weiter. 1991 betrug das Defizit 101,9 Prozent des Bruttosozialprodukts; 1992 stieg es auf 107,7 Prozent.

Die Beunruhigung der Geschäftsleute und Wirtschaftswissenschaftler nimmt im gleichen Maße zu – auch ihre Empörung, denn „Tangentopoli“, das Mailand der Korruptionsskandale, zeigt den deutlichen Einfluß der Schmiergelder auf den kontinuierlich wachsenden Schuldenberg. Nach einer Untersuchung des Forschungsinstituts Einaudi in Turin belaufen sich die von den Parteien eingenommenen Bestechungsgelder auf jährlich rund 10 000 Milliarden Lire; das geht zu Lasten des Staates, weil die Firmen, die sich durch Schmiergeld einen öffentlichen Auftrag sicherten, die tangenti schon in ihre Preise einkalkuliert hatten. „Da dieses Spiel mehr als zehn Jahre lang betrieben wurde, müssen die Parteien in diesem Zeitraum ungefähr 150 000 Milliarden Lire einkassiert haben“, schrieb Giuseppe Turani, einer der angesehensten Wirtschaftskommentatoren Italiens, in der Tageszeitung La Repubblica. Nach dieser Rechnung resultiert etwa ein Zehntel der Staatsschulden unmittelbar aus den Bestechungsgeldern.

Solange die italienische Wirtschaft funktionierte, war die Korruption zu ertragen. „Aber als die Produktion und das Finanzsystem in Schwierigkeiten gerieten, konnten die Bestechungsgelder nicht mehr aufgebracht werden“, erklärt der Historiker Massimo Salvadori. Kein Zufall, daß die Ermittlungen mit einer Anzeige begannen, die ein in Zahlungsschwierigkeiten geratener Unternehmer erstattete. Luca Magni ist Inhaber eines kleinen Reinigungsunternehmens mit 360 Millionen Lire Umsatz und konnte sich das Zahlen der Schmiergelder nicht mehr erlauben.

Der Mechanismus ist nun unterbrochen. Die anstehende Reform wird eine wohltuende Wirkung auf den Staatshaushalt haben, wenn es auch nicht an Widerständen fehlt. Im Laufe der Jahre haben Regierungspolitiker, besonders Christdemokraten und Sozialisten, das Geld aus der Staatskasse genutzt, um einen allgemeinen Konsens zu schaffen. Sie können die öffentlichen Subventionen nun über einen bestimmten Punkt hinaus nicht streichen, ohne dabei ihre politische Macht in Frage zu stellen.

Das Konsens-System hat entstehen lassen, was der Sozialismus des italienischen Staates genannt worden ist: eine ausufernde staatliche Industrie mit geringer Leistungsfähigkeit. Jahrelang war der öffentliche Sektor die Lunge der partitocrazia, der Parteienherrschaft. Politiker erhielten dort die Möglichkeit, Freunde und Klienten mit gutbezahlten Arbeitsplätzen auszustatten. Diese bedankten sich wiederum mit Parteispenden, die sie direkt aus den Kassen der Staatsindustrie nahmen. Neben Hunderten von städtischen Betrieben, die auf lokaler Ebene unter die Parteien aufgeteilt wurden, besteht die staatliche Industrie aus drei großen Gesellschaften: IRI – deren Präsident immer ein Christdemokrat war, ENI – in der Hand eines Sozialisten, EFIM – den kleineren Parteien, insbesondere den Sozialdemokraten anvertraut.

Vom Chefsessel abwärts wurden alle leitenden Positionen nach Parteibuch vergeben. Waren dann die Geschäftsabschlüsse unbefriedigend und schrieb die Gesellschaft rote Zahlen – halb so schlimm. Der Verlust wurde vom Staat aufgefangen oder von den Staatsbanken finanziert. Bis vor einigen Monaten waren die Gesellschaften IRI, ENI und EFIM überdies keine Aktiengesellschaften, sondern Verwaltungsinstitutionen, was sie vom Konkurs-Gesetz ausnahm.

Der spektakulärste Fall ist die EFIM, eine willkürliche Ansammlung von 114 Firmen, darunter Bergwerke, Betriebe der Glasverarbeitung, Aluminiumproduktion und des Eisenbahnbaus – ohne jegliches unternehmerische Konzept. Der Gesamtumsatz beträgt 5000 Milliarden Lire, nicht einmal ein Drittel der Schulden von 17 500 Lire. Die Regierung von Giuliano Amato hat beschlossen, die Gesellschaft aufzulösen. Als der Staatskommissar Alberto Fredieri in der Hauptgeschäftsstelle der EFIM eintraf, raufte er sich die Haare: „Nicht einmal der Pfleger eines psychiatrischen Krankenhauses hätte die Lügen fassen können, die diese Bilanzen enthielten.“.