Bei Kaufhof, Hertie oder Spar, überall das gleiche Bild: Der Winter ist noch nicht vorbei, da rücken schon die Schokohasen an. Immerhin 10 000 Tonnen Hohlfiguren drängen in die Süßwarenabteilungen. Damit sie auch alle Platz finden, bringen die meisten ihr pyramidenförmiges Verkaufsdisplay gleich mit. Da stehen sie nun und grinsen. Lächeln ist Gesetz! Denn: Griesgrämige Hasen haben keine Chance. Auf den fragilen Hohlfiguren lastet eine schwere Verantwortung. Riegelmarkt und traditionelles Schokoladentafelgeschäft stecken in der Krise, die Häschen müssen ran. Hase gegen Hase tobt der Kampf. Wer wird Sieger in dem gnadenlosen Ringen?

Der „Marktführer für Hohlfiguren“, Jacobs Suchard, vertraut seiner Wunderwaffe, dem „Schmunzelhasen.“ Ins bekannte Markenlila gehüllt, kann er sich nur schwer in der Flut der „zartesten Versuchungen“ bemerkbar machen. Als Kohorte in die Schachtel gezwängt, sehen die lila Hoppler befremdend uniformiert aus. Dem Verkauf tut das keinen Abbruch. Fast drohend verkündet die Firma: Schon jeder dritte Hase ist ein Schmunzelhase!

Damit sich die lila Biester nicht ungezügelt weitervermehren, rückt die Firma Riegelein den „Mensch mit seinen Wünschen und Emotionen“ in den Blickpunkt. Tapfer stemmen sich „Knuddel-Häschen“ Vroni und Purzel gegen die lila Armada. Ein charakteristischer Wachsmalkreidenstrich gibt ihnen den letzten Schliff. Sie wurden von Psychologen modelliert, damit sie den lieben Kleinen auch gefallen.

Die meisten Häschen fallen allerdings Erwachsenen in die Hände, sei es um sie zu verschenken oder doch zum Eigengebrauch. Vom 50-Gramm-Happen für den kleinen Hunger unterwegs über den Standardhasen mit 200 Gramm – Verzehrdauer ungefähr eine „Tagesschau“-Länge – bis hin zum vierpfündigen Giganten für den Oster-Intensivnutzer ist an alles gedacht. Selbst die Kranken stehen nicht abseits, für Diabetiker hält Pea den „Diät-Goldsitzhasen“ bereit.

Moderne Häschen richten sich recht keck auf ihren Läufen auf und blinzeln ihren Käufer an, als wollten sie sagen: Friß mich! Oh, sündige Versuchung! Oh, leckere Hasenohren! Eine schlichte Rechtecktafel kann da nicht mithalten, also darf es auch gern etwas teurer sein, wenn die Feste wieder gefeiert werden.

Wer Ostern so feiern möchte, wie er es als Kind gekannt hat, wird die schnuckeligen „Comic-Hasen“ verschmähen. Er verlangt nach traditioneller Osterstimmung und neigt zum bildungsbewußten Dürerhasen. Hübsch in der Grube kauernd, züchtig die Augen niedergeschlagen, eventuell mit roter Schleife um den Hals, erwartet er seine Stunde. Trendsetter greifen zum pure look; befreit vom Stanniol, präsentieren sich die Häschen in reinem Schokoladenbraun, geziert mit handbemalter weißer Schokolade. Gußformen aus der Frühzeit der Republik erzielen das erwünschte Distinktionsvermögen. Der Renner auf der Nostalgiewelle: „Osterhase auf dem Vesparoller“.

Wer allerdings seinen Lieblingshasen mit ins heimische Nest tragen will, sollte ihn vor Freude über die bevorstehende Nasch-Orgie nicht zu sehr ans Herz drücken, sonst verwandelt sich das Kunstwerk in schnöde Bruchschokolade.

Gernot Kramper