Von Fritz J. Raddatz

Ein berührendes Lebenszeugnis und ein traurig stimmendes Dokument unserer Zeit: die Autobiographie von Fritz Beer, deutschsprachiger Tscheche, Jude, Kommunist, Emigrant, Journalist, Dissident und antifaschistischer Soldat in der Armee der Londoner exil-tschechoslowakischen Armee, in deren Uniform er half, den Kontinent freizukämpfen von denen, die siebzehn Mitglieder seiner Familie ermordeten und ihn in die Fremde trieben. Berührend ist das – übrigens glänzend geschriebene – Buch, weil Beer sich sein Leben lang weigerte, "die Deutschen" pauschal zu verurteilen; vor allem als Soldat handelte er sich mit dieser, angesichts der deutschen Greuel wahrlich luxuriösen Differenzierung Spott, Verachtung und Aggressivität von seinen Kameraden ein. So sind diese Aufzeichnungen auch ständige Ort-Suche eines, dem man Heimat und Bindung streitig machte: "Sie haben recht, ich bin kein Deutscher. Aber auch kein Tscheche. Also ausschließlich ein Jude? Wenn ich prüfe, was ich denke, fühle und weiß, dann ist das, was aus dem Alten Testament stammt, was mir über viertausend Jahre als Tradition und Erfahrung übermittelt wurde, zwar ein wichtiger Teil meiner Persönlichkeit, aber nicht der einzige. In mir ist auch, was ich von Lessing, Heine und Rilke gelernt, von Hegel, Kleist und Stifter, was ich bei Büchner und Ossietzky gelesen habe; und auch die Lüneburger Heide und die Bildwerke Barlachs. Das alles ist in mir, und es ist deutsch, auch oder gerade weil vieles davon heute in Deutschland unterdrückt wird. Es war immer ein Teil von mir, genauso wie Balzac, Dostojewski, Dickens, die Musik und die Erzähler Böhmens. Ich kann es jetzt nicht abschwören, wie vorteilhaft es auch wäre, denn ich würde mich damit selbst verleugnen. Ich würde vorgeben, jemand zu sein, der ich nicht bin. Ich würde jene verraten, die sich heute in Deutschland trotz aller Gefahren zu diesem Erbe bekennen, die so viel mehr in Kauf nehmen müssen als ich."

Diese Kostprobe könnte irreführen – Fritz Beer ist nie sentimental, führt selbst bei Schilderungen von Dreck, Elend, Hunger und Pein einen gelegentlich sarkastischen Humor vor, getreu dem Eingangsbekenntnis: "Ich wollte auch nicht eine lange Geschichte aus dem Krieg erzählen, wie das alte Leute gerne tun, die seither nichts Interessantes mehr erlebten." Das beginnt schon bei der Schilderung des nicht-orthodoxen Elternhauses, in dem ein eher einverständig schmunzelndes Judentum denn wahre Thora-Gläubigkeit gepflegt wurde: "Wenn mein Großvater mich durch einen Rippenstoß zur Andacht drängte, murmelte ich im halblauten Singsang der Gemeinde das große Einmaleins oder mein Privatgebet: Lieber Gott, bitte daß mich nicht so werden, wie die Erwachsenen sind, und schenke mir zum Geburtstag ein Fahrrad."

Es ist aufregend, noch einmal Bericht zu erhalten von einer deutsch-jüdischen Kultur, die sich durchdrang und befruchtete, innerhalb derer aber schon die Halbwüchsigen auf getrennten Bürgersteigen zum frühabendlichen Flirt flanierten. Beer malt, mokant und wehmütig zugleich, ein Chagall-Bild, über dessen Wolken aber statt Eseln und Bäuerlein schon Totenköpfe aufscheinen. Die Mär von einer unwiederbringlich zerstörten Welt, die einem das Herz abpreßt.

Auf der zweiten Ebene ist das Buch eine umstandslos ehrliche, dadurch geradezu packende Schilderung von den Verstrickungen der europäischen Intelligenz in den marxistischen Katechismus. Auch hier gibt Beer sich ein Leitmotiv: "Die gängige Entschuldigung ‚das habe ich nicht gewußt‘ ist ungültig. Ich habe es gewußt, aber unterdrückt."

Erzählt also wird von der anfänglichen Verlockung durch das anti-bürgerliche Modell und dem frühen Erkennen, daß es sich um eine Versuchung handelte, daß der Teufel Kapitalismus mit dem Beelzebub Stalin ausgetrieben werden sollte, daß der neue Mensch und sein aufrechter Gang eine Schimäre waren. Derlei liest sich heute als "claro"-Erkenntnis – und war doch ein schmerzlicher Prozeß am Rande der Selbsttötung; denn es war Hitler, der anfangs die Welt bedrohte und sie dann in Brand steckte, und lange, allzu lange hielten viele, die längst die Partei als verlogen und verachtenswert durchschaut hatten, ihr dennoch die Treue: um vor sich selber und den Genossen nicht als Verräter dazustehen an der mit dem Nazifrevel verglichen gerechteren Sache. Es ist die Stärke dieser Lebensbeichte, die Schwäche dieser Position einzugestehen; mehr noch: sie so genau zu reflektieren, daß der Band getrost als Beitrag zur aktuellsten Diskussion gelesen werden kann: "Wenn ich in der Sitzung unserer Parteizelle die vorgekauten Argumente hörte, die lahmen Rechtfertigungen plötzlicher Wendungen in unserer Politik, geriet ich in intellektuelle Atemnot, es juckte mich, zu provozieren, um nicht zu ersticken. Aber selbst die unschuldigste Kritik löste Explosionen von Gehässigkeit und Aggression aus und vor allem das alte Argument: Wer kein betonfestes Verhältnis zur Partei hat, begibt sich auf den Weg zum Gestapospitzel. Das ist dumm und doch logisch, die Kirche hat es in den Ketzerverfolgungen im Mittelalter bis zur letzten Nuance verfeinert: Wer auch nur leicht an das Dogma rührt, erschüttert sein ganzes Gebäude, selbst der kleinste Zweifel an der Unfehlbarkeit des Papstes, Stalins, der Kirche, der Partei führt mit unvermeidlicher innerer Konsequenz zum Verrat, zum Teufel, zur Konterrevolution, zum Scheiterhaufen, zum Genickschuß. Sowie ich in der Paddington-Gemeindebibliothek begonnen hatte, wahllos durcheinander Trotzki und Pareto zu lesen, Rüssel und Wittfogel, Kautsky, Burckhardt und andere, wurden alle Parteiwahrheiten brüchig. Langsam, unsicher und noch voll Bedenken, wohin das führen würde, begann ich selbständig zu denken. Es war höchste Zeit, ich war achtundzwanzig Jahre alt."

Verdienstvoll vom Aufbau-Verlag, das Buch von Fritz Beer publiziert zu haben. Wenig verdienstvoll, wie sorglos es verlegt wurde: keine Anmerkung, kein Namensregister, keine einzige Annotation zu Zusammenhängen und Personen. So wird hingenommen, daß der Autor sich ohne Kenntnis zeigt über "den Fall Ernst Ottwalt" oder parenthetisch erwähnt "Klaus Fuchs verriet die westlichen Kernwaffengeheimnisse an Stalin". (Zwei Beispiele für Dutzende von Versäumnissen.) Ein annotiertes Namensregister hätte hier gleichsam ein historisches Rückgrat einziehen können – und Ottwalts Schicksal oder den Umstand, daß zum Beispiel Fuchs’ Vater Theologieprofessor in der DDR wurde, erläutern müssen.