Von Fredy Hämmerli

Der Züricher Vermögensberater Markus Winkler kann es so recht noch nicht fassen: „Wir kommen uns total verschaukelt vor.“ Es geht um die Sasea-Holding. Die Genfer Staatsanwaltschaft untersucht zur Zeit diesen größten Konkursfall, den die Schweiz je erlebt hat. Der Skandal erschüttert nicht nur das Schweizer Establishment, verstrickt sind auch Spitzenpolitiker und Topmanager aus Frankreich und Italien.

Winkler ist der Kopf der Sasea-Anlegerschutzvereinigung, die rund 300 Anleihengläubiger der Genfer Pleite-Gesellschaft repräsentiert. Vierzig Millionen Schweizer Franken haben er und seine Leidensgenossen aufgrund hochtrabender Versprechungen und blütenweißer Prüfungsberichte von Banken, Verwaltungsräten und Treuhandgesellschaft in drei Wandelanleihen des Unternehmens gesteckt. Heute scheint klar: Das Geld ist verloren.

Doch damit wollen sich Winkler und seine Genossen nicht einfach abfinden. Sie haben Strafanzeige wegen unwahrer Angaben gegen den Sasea-Verwaltungsrat, die Kontrollstelle KPMG Fides Peat und gegen die Syndikatsleiterin der Anleihe, die Genfer S. G. Warburg Soditic, eingereicht. Dank dieser Klage und der folgenden zivilrechtlichen Begehren, so hofft Winkler, kann er vielleicht zwanzig bis dreißig Prozent der Verluste für seine Klienten wieder hereinbringen. Eine weitere Klage gegen die Hausbank der Sasea, die französische Crédit Lyonnais, ist in Vorbereitung. Ihr wirft Winkler vor, sie habe 1991 eine Scheinsanierung mitinszeniert und so das Publikum getäuscht, um ihre eigenen Verluste zu vermindern.

Aus der Konkursmasse ist für Winkler jedenfalls kaum mehr etwas zu holen. Bei einer denkwürdigen Versammlung am 17. Februar im Genfer Hotel Penta, Saal New York, erfuhren die geschockten Gläubiger (insgesamt 2958) von Sasea-Konkursverwalter Dominique Grosbéty nämlich, daß sich ein Schuldenberg von 5,1 Milliarden Franken auftürmt, dem nur gerade 10 bis 20 Millionen Franken gegenüberstehen: eine Getreidemühle in Jemen und ein Überbauungsprojekt auf Sardinien, das aus Geldmangel aber eingestellt ist. Alle anderen der rund 150 Sasea-Gesellschaften sind überschuldet.

Immerhin veranlaßte Winklers Strafanzeige den Genfer Staatsanwalt Laurent Kasper-Ansermet, den Sasea-Hauptverantwortlichen, den Florentiner Floriö Fiorini, in Haft zu nehmen. Fiorini, seit Oktober vergangenen Jahres berühmtester Insasse im Genfer Gefängnis Champ Dollon, hat die Sasea 1985 von der Schweizerischen Kreditanstalt und vom Crédit Commercial de France für eine halbe Million Franken übernommen. Ein stolzer Preis für eine praktisch inaktive Gesellschaft. Aber sie hatte einige Vorteile, die der Italiener zu nutzen wußte: Bereits 1893 vom Vatikan zur Verwertung einer Agrarproduktion, namentlich Früchten und Gemüse, gegründet, konnte das Unternehmen auf eine lange und ehrbare Geschichte zurückblicken. Für Fiorini aber noch viel wichtiger: Die Gesellschaft war an der Genfer Börse notiert.

Was sich aus solchen Voraussetzungen alles machen ließ, hatte der heute 52jährige Bauernsohn aus der Toskana als Finanzdirektor der staatlichen italienischen Erdölgesellschaft ENI (Ente Nazionale Idrocarburi) gelernt. Spätestens. Denn schon früh galt Fiorini als gescheiter, ja brillanter Kopf. Wenn andere Jugendliche Fußball spielten oder mit Mädchen ausgingen, büffelte Klein-Florio. Morgens stand er eine Stunde früher auf, um am Radio einen Portugiesischkurs zu verfolgen. Daneben spricht der Italiener fließend fünf weitere Sprachen. Er kennt keine Laster, lebte wie ein mittelalterlicher Mönch im zerknitterten Out-fit eines Bankprokuristen. Sein einziges Hobby ist die Küche. Seine Spaghettis mit Muscheln und seine Wildschweinwürste seien unvergleichlich, behaupten ehemalige Freunde.