Bank und Börse

Thomas Ehrengut ist blaß und hat Ringe unter den Augen: „In den vergangenen Wochen haben wir dreizehn, vierzehn Stunden täglich gearbeitet.“ Dem Hamburger Briefmarkenauktionator geht es wie den meisten seiner Kollegen in den rund fünfzig deutschen Auktionshäusern: Das Geschäft floriert. Für die Renaissance der Philatelie nennen Branchenkenner vor allem einen Grund: Professionelle Anleger haben die kleinen gummierten Papiere als Spekulationsobjekte entdeckt.

Mehr als 4500 einzelne Positionen, seltene Einzelexemplare und komplette Sammlungen, die häufig aus Nachlässen stammen, haben Thomas Ehrengut und sein Bruder Hubert in den vergangenen Wochen in ganz Europa zusammengetragen, geordnet und katalogisiert. Die beiden persönlich haftenden Gesellschafter der Hanseatischen Briefmarkenauktionen oHG (HBA), die eigenen Angaben zufolge 12 000 Kunden betreuen, werden auf ihrer Anfang April stattfindenden Frühjahrsversteigerung vor allem Marken des Deutschen Reiches ab 1872, Exemplare aus der Weimarer Republik, der sowjetischen Besatzungszone, der britischen und der amerikanischen Zone von 1945 bis 1948 unter den Hammer bringen. Erwarteter Umsatz bei einer Verkaufsquote von neunzig Prozent: rund fünf Millionen Mark.

Schätzungsweise fünf bis acht Millionen Deutsche sammeln Briefmarken und lassen sich ihr Hobby zwei bis zweieinhalb Milliarden Mark im Jahr kosten. Die Hälfte davon wird in den rund eintausend deutschen Briefmarkengeschäften und dem Versandhandel umgesetzt. Knapp ein Dutzend Großhändler und die vier großen Versandhäuser Borek in Braunschweig, Göde in Aschaffenburg, Krüger in München und Sieger in Lörrach beherrschen dieses Marktsegment. Die andere Hälfte des Umsatzes entfällt auf die wichtigen Großauktionen in Hamburg, Wiesbaden oder München, den Hochburgen der deutschen Philatelie. Hier aber prägen zunehmend elegante Kaschmirmäntel und dunkle Zweireiher das Bild. Siebzig bis achtzig Prozent der Käufer sind Stammkunden, die rund um die Welt Auktionen besuchen oder sich von Kommissionären vertreten lassen.

Die „Aktie des kleinen Mannes“ ist auch für betuchtere Kreise ein begehrtes Anlageobjekt geworden. Spätestens seit im Herbst 1992 das amerikanische Brokerhaus Salomon Brothers nach Jahren der Zurückhaltung Briefmarken wieder in seine Investitionsempfehlungen aufgenommen hat, werden die Preise in der Philatelie von Banken, Anlageberatern und Spekulanten genau beobachtet. Was sie sehen, muß ihnen Mut machen: Nach einem leichten Anstieg seit Mitte der achtziger Jahre hat sich der Preisauftrieb in den vergangenen zwei Jahren auf etwa zwanzig Prozent im Jahr beschleunigt – und das, obwohl das Angebot an Sammlungen und Restposten seit der Öffnung der deutschen Mauer deutlich gestiegen ist.

„Der Markt ist zur Zeit sehr fest“, gibt sich Thomas Ehrengut weiter optimistisch. Andere Häuser im Süden und Westen Deutschlands bestätigen die Einschätzung des renommierten norddeutschen Auktionators. Nach Ansicht Ehrenguts suchen die neuen Kunden in erster Linie „eine mittelfristig orientierte Abrundung ihres Portefeuilles“. Der Philatelie-Fachmann: „In Zeiten, in denen an den internationalen Börsen Unsicherheit herrscht, klingelt bei uns das Telephon besonders oft. Dann wollen die Anleger aus Aktien und Anleihen raus und in scheinbar wertbeständigere und inflationssichere Werte wie Immobilien und Briefmarken.“ Die schnelle Mark können Anleger von ihrer neuen Leidenschaft ohnehin nicht erwarten, denn einkalkuliert werden muß eine durchschnittliche Auktionatorprovision von fünfzehn Prozent oder gar eine Händlerspanne von bis zu fünfzig Prozent. Deswegen gilt unter spekulativen Philatelisten das Motto der „drei L“: Lange liegenlassen. Ein handfester Vorteil für einen privaten Markensammler ist die Tatsache, daß er seine Renditen beim Wiederverkauf von Briefmarken steuerfrei einstreichen darf, wenn er den Handel nicht gewerblich betreibt.

Experten raten den Briefmarken-Laien, nur Objekte zu erwerben, die von einem der etwa fünfzig Verbandsprüfer in Deutschland begutachtet worden sind. Die Gutachter haften für die Richtigkeit ihrer Angaben. Seltene Spitzenstücke besitzen fast immer ein Attest mit Abbildung.