Von Martin Klingst

Kiel

Alle warten auf ihn. Blitzlichter flackern, Kameramänner rangeln im Kieler Landtag um die besten Plätze, Dutzende von Mikrophonen recken sich ihm entgegen. Doch Björn Engholm mag sich über so viel Aufmerksamkeit nicht freuen; er wirkt unwirsch und unkonzentriert. Zögernd teilt er mit, er habe Günther Jansen als seinen Stellvertreter im Amt des Ministerpräsidenten entlassen, werde ihn aber als Sozialminister halten. Handelt so einer, der führen will?

"Selbstverständlich", nimmt ihn der Kieler Bundestagsabgeordnete Norbert Gansel in Schutz und klagt über die "verwegene Absicht" einiger Unionsabgeordneter aus Schleswig-Holstein, dem Barschel-Skandal nun ein Kapitel "Verstrickung der Sozialdemokraten" anfügen zu wollen. Tatsächlich scheinen einige Christdemokraten die Zahlungen an Reiner Pfeiffer dafür zu nutzen, um die SPD zum Mittäter zu stempeln. Das verstimmt auch den CDU-Politiker Trutz Graf Kerssenbrock. Er hatte seiner Partei 1987 im Untersuchungsausschuß unliebsame Fragen gestellt, ehe sie ihn zum Verzicht auf Parteiämter nötigte.

Nicht nur die bösen Erinnerungen an damals und die Ängste vor einer neuen Schlammschlacht schrecken Engholm und andere in der SPD. Die Vergangenheitserforschung, mußmaßt ein Vertrauter, könnte manches zutage fördern, "was tief an unserer sozialdemokratischen Glaubwürdigkeit kratzt". Hier ist Engholm verletzlich. Schließlich hat der SPD-Vorsitzende und Kanzlerkandidat Ehrlichkeit und Glaubwürdigkeit zu Richtschnüren seiner Politik erklärt und den Wählern eine neue "moralische Dimension" versprochen. Schon harmlose Unwahrheiten könnten daher seinen Ruf als Saubermann nachhaltig beschädigen.

Was könnte ein Untersuchungsausschuß für Engholm Unangenehmes aufdecken? Bis heute hält er daran fest, erst am 13. September 1987, dem Wahltag, von den Machenschaften des damaligen Ministerpräsidenten Uwe Barschel und dessen Medienreferenten Reiner Pfeiffer erfahren zu haben. Doch der frühere SPD-Pressesprecher und enge Vertraute Engholms, Klaus Nilius, hatte später eingestanden, daß er schön im Sommer mehrmals mit Pfeiffer zusammengetroffen sei. Auch gaben Nilius und der damalige SPD-Landesvorsitzende und heutige Sozialminister Günther Jansen zu, bereits am 7. September mit Pfeiffer in einem Lübecker Hotel gegessen zu haben. Auch Engholms Anwalt Peter Schulz war dabei. Hat Engholm von diesem Treffen wirklich nichts gewußt? Warum haben er und Jansen ihren Rechtsanwalt Schulz später nicht von der Schweigepflicht entbunden? Sollte Schulz vor dem Untersuchungsausschuß nicht alles auspacken, was er erfahren hatte?

Es gibt aus diesen turbulenten Tagen Anfang September 1987 noch weitere Ungereimtheiten: Warum hat Schulz am 8. September "Anzeige gegen Unbekannt" erstattet? Er hatte doch bereits am Tag vorher aus dem Gespräch mit Pfeiffer erfahren, daß hinter den kriminellen Umtrieben gegen Engholm der Medienreferent Reiner Pfeiffer selber steckte. Und dachte Jansen vielleicht schon damals und nicht erst fast zwei Jahre später daran, Pfeiffer eines Tages finanziell zu unterstützen? In Jansens Gesprächsnotiz findet sich folgender Satz: ‚Ich habe dann ... gesagt, daß er mit der beruflichen Zukunft recht haben könne, denn wenn seine Aussagen stimmen, sei es staatspolitisch wichtig, dieses aufzuklären. Bei allem, was er vorhabe, könne er zu diesem Zeitpunkt aber keinerlei Aktivitäten der SPD erwarten, dieses sei nach der Wahl anders."