Von Fredy Gsteiger

Bagdad

Interessant ist nur, was nicht in den Gazetten des irakischen Regimes steht. Alle haben zum 30. Jahrestag der "Glorreichen Revolution der Baath-Partei" gratuliert, entnehmen die wenigen Leser dem Bagdad Observer – vom Gouverneur von Nineveh über den Bürgermeister von Kerbala bis zum Geheimdienstchef. Ein Glückwunschtelegramm hat auch Libyens Revolutionsführer Ghaddafi geschickt. Den anderen Großen dieser Welt war der Feiertag offenbar schnuppe. Das steht natürlich nirgends.

Zu lesen ist hingegen, daß der Chef der Nahost-Abteilung im russischen Außenministerium den Irak besucht, und zwar eine ganze Woche lang. Er ist der höchstrangige Besucher seit dem Golfkrieg. Igor Melichow machte der irakischen Führung schon vor seinem Eintreffen klar, daß Bagdad sich den Waffenstillstandsbedingungen unterwerfen müsse; andernfalls dauerten die Sanktionen fort. Dafür wurde ihm prompt der rote Teppich verweigert. In diesen Tagen hat zudem ein irakischer Autor aus dem außenpolitischen Nähkästchen geplaudert und Michail Gorbatschow als Verräter gebrandmarkt. "Natürlich, natürlich!" soll der damalige Kremlherr getönt haben, als die Iraker ausloten wollten, ob bei einem, wenngleich verspäteten, Rückzug aus Kuwait die drohende alliierte Attacke noch abzuwenden sei.

Ganz auf dem Gefrierpunkt sind die russischirakischen Beziehungen dennoch nicht mehr. Ausstehende Guthaben von sechs Milliarden Dollar lassen Moskau schon mal einlenken – etwa bei der neuerlichen Entsendung von Beratern, "keine militärischen, natürlich..." Hat man sich doch, wie ein russischer Diplomat in Bagdad sagt, darauf eingestellt, "daß Saddam Hussein noch Jahre an der Macht bleiben kann".

Die Russen sind nicht die einzigen, die so denken. Die Botschafter kehren an den Tigris zurück. Die Geschäftsleute sind längst da. Italiener, Deutsche oder Österreicher tummeln sich in den großen Hotels der Kapitale. Ein Vertrag über 2000 Fiat-Traktoren sei praktisch unter Dach und Fach, freut sich ein Besucher aus Turin. Die Ausländer drängen wieder ins Zweistromland. Viele Iraker würden es liebend gerne verlassen. Einer der seltenen, verschämt herumgebotenen Witze spielt denn auch im Paßamt von Bagdad: Länge Schlangen vor den Schaltern. Da tritt Saddam Hussein ein. Sofort verlassen die Leute den Raum. "Wieso?" wundert sich der Präsident. – "Wissen Sie", klärt ein altes Mütterchen ihn auf: "Als wir sahen, daß Sie einen Paß beantragen, um auszureisen, sagten wir uns: Nun können wir ja bleiben."

So schnell dürften die Iraker ihren Führer nicht loswerden. Immerhin bleibt ein Teil des kurdischen Nordens seiner Kontrolle entzogen, und im Süden muß er ständig bis zu 100 000 Soldaten stationieren, um die immer wieder aufflackernden Revolten der Schiiten zu ersticken. Bewachte Sperren an den Hauptstraßen zeugen von der Verunsicherung des Regimes.