Von Horst Vetten

Plötzlich war der Trabi da. Er stand ganz allein auf dem Parkplatz unterhalb der Oberammergauer Skilifte. So stand er eine kalte Winternacht, eine zweite, und dann hatten Autobastler und sonstige Heimwerker das herrenlose Gefährt spitz. Sie montierten ab, was nicht niet- und nagelfest war. Schließlich schleppte ein gemeindliches Fahrzeug die Überreste zur Sperrmüllkippe.

Bei seinen Nachforschungen über das Schicksal des Trabis stieß der Ermittler auf eine merkwürdige Doublette: Tagelang hatte im Ortskern noch ein weiteres Automobil aus den neuen Bundesländern seiner Entsorgung entgegengedöst; in diesem Falle ein von seinem Herrn verlassener Wartburg.

Das Nachsinnen über die Motivation von Autobesitzern, die ihre Altlasten problemlos verschwinden lassen wollen, ergab für die beiden in Oberammergau endgeparkten Gefährte eine in sich schlüssige Gedankenkette: Man sollte sich, um so ein Vehikel loszuwerden, schon ein gehöriges Stück von seinem Standort entfernen. Man braucht einen Komplizen, der mit seinem Fahrzeug die Rückfahrt sicherstellt. Wo fährt man hin? Möglichst doch über die ehemaligen, für viele aber im Geiste immer noch bestehenden Grenzen. Also wohin? Wenn schon, dann doch dahin, wo’s schön ist. Also auf nach Bayern.

Sind sie im Konvoi gekommen, der Wartburg und der Trabi? Gab es ein Begleitfahrzeug, oder gab es zwei? Sollten der Wartburg-Besitzer und der Trabi-Halter indes unabhängig voneinander auf dieselbe Idee gekommen sein – dieses deutsche Stück wäre noch eine Nummer deutscher. Aber die Einzelheiten sind naturgemäß nicht zu ermitteln. Besagte Gedankenkette über die Untiefen im Charakter des germanischen Autofahrers muß deshalb aus zwei Grundelementen zusammengefügt werden: der Basiskenntnis über den Deutschen als solchen und über das Auto an sich.

Trabis, vor allem, werden zur Zeit in Deutschland flächendeckend entsorgt; in den beigetretenen Bundesländern deutlich dichter als im Westen. Von Rostock bis Zwickau würden Tausende verschämt in stillen Waldschneisen oder rotzfrech an den Rändern der Autobahnen vor sich hin rosten – wenn sie denn rosten könnten. Aber sie können es nicht. Daimler und Opel werden vergehen, nur der Trabi-Kunststoff bleibt bestehen. Ordentliches Entsorgen ist aufwendig und kostet. Also werden die Gefährte (und einst inniggeliebten Gefährten) von ihren Herrchen ausgesetzt wie sonst nur lästig gewordene Hunde. Dies ist ein verdammt übler Zug am deutschen Charakter, wenn man an die Geschichte des Trabis denkt. Sie ist ein Stück deutscher Poesie, im Land der Gartenzwerge sogar noch mehr: ein Stück deutschen Gemütes. Hat jemals das Auto für die Menschen eines Landes eine solche Rolle als Symbol und Kultgerät gespielt wie der Trabi in der DDR?

Dem erbarmungslos ausgeweideten Trabi von Oberammergau ist es schlimmer ergangen als dem Wartburg-Kollegen in der Dorfmitte, weil er so schutzlos in bayerischer Prärie stand. So verkam er – einer für alle – zu einer Art negativer Skulptur für Tausende von Trabis, die jetzt verwittern und gefleddert werden. Überall ist Prärie in Deutschland.