Großbritannien und Frankreich, Portugal und Israel, Pakistan und Indien hatten eine Premierministerin. In Norwegen regiert eine Frau, Kanada will eine Kanadierin, und in Weißen Haus wirbelt immerhin Hillary.

Aber wo Deutsch gesprochen wird, haben es die Politikerinnen besonders schwer. Auch der nächste deutsche Kanzler wird keine Kanzlerin sein. Überaus fraglich, ob auf Richard von Weizsäcker eine Bundespräsidentin folgen wird. Österreich hat zwar neuerdings eine Splitterparteichefin, aber sonst? Sonst bleibt noch die Schweiz. Und dort ist es, um mit der werten Kollegin Sabine Christiansen von den „Tagesthemen“ zu sprechen, „zappendüster“: pechschwarzes Patriarchat im Berner Bundeshaus.

Nein, da war doch mal eine Frau Justizministerin. Sie ist aber gleich über einen Skandal gestolpert. Seither sind drei Jahre verstrichen. Die Zeiten ändern sich, aber die Herren nicht. Als vergangene Woche eine Ersatzwahl in die siebenmännerköpfige Landesregierung anstand, hatte die sozialdemokratische Kandidatin Christiane Brunner keine Chance. Das virile Schweizer Parlament erkor einen Mann – wen denn sonst?

Nun gab’s richtig Krach, was unter Eidgenossen unüblich ist. Und plötzlich erhob sich ein Held des Tages und des Rückzugs; Francis Matthey, der gewählte Minister und loyale Linke, nahm die Wahl nicht an, sehr zum Beifall seiner Parteifreunde, vor allem aber seiner Parteifreundinnen.

Indessen wankte die seit 1959 währende Große Koalition der Sozialdemokraten mit den Freisinnigen, den Christdemokraten und der Volkspartei. Die helvetische Eintracht der Machos hat in einer zierlichen Genferin ihre Meisterin gefunden: Christiane Brunner hat mehr bewegt als die Männerriege, die zwar nach wie vor die Schweiz (unter sich) ausmacht, aber jetzt wohl doch noch eine Frau am Kabinettstisch dulden muß.

Die Franzosen haben ihre Jeanne d’Arc nicht vergessen. Die Ungarn verehren heute noch die ihnen wohlgesonnene Sissi. Die Deutschen mußten Jahrhunderte warten, bis ihnen mit Rosa Luxemburg eine wirkliche Politikerin erwuchs. In der Schweiz, wo alles ein bißchen schlichter ist, werden sich die Nachgeborenen nicht ungerne an Madame Brunner aus Genf erinnern.

Roger de Weck