Die Spur führt in den Elysée-Palast. Sie verliert sich erst an der Schwelle zum Präsidentenbüro. Zwei Monate lang wurde Edwy Plenel, Starreporter des Pariser Monde, Anfang 1986 abgehört – von den Gendarmen einer Antiterroreinheit, die direkt François Mitterrand unterstand, nur ihm verantwortlich war und in keiner offiziellen Hierarchie geführt wurde. Die Nachricht vom Lauschangriff platzte vergangene Woche in den französischen Wahlkampf.

Wer Edwy Plenels kürzlich erschienenes Buch "La part d’ombre" (frei mit "Die Schattenseite" übersetzt) liest, der wundert sich über so viel Aufmerksamkeit von allerhöchster Seite nicht länger. Denn es war Plenel, der 1985 Licht in die Greenpeace-Affäre brachte, bei der französische Geheimagenten in Neuseeland ein Schiff der Umweltschützer versenkten und dabei einen Menschen töteten. Es war Plenel, der wenig später aufdeckte, wie jene Antiterrortruppe drei angebliche irische Terroristen dingfest machte – schließlich brauchte die linke Regierung damals nach einer Welle von Anschlägen endlich Erfolge – und dabei alle Beweise selbst fabrizierte, die für Festnahme und Anklage benötigt wurden. Den Chef dieser Truppe machte der Präsident später zum Präfekten, Ritter der Ehrenlegion und Sicherheitsdirektor der Olympischen Winterspiele von Albertville, obgleich der wegen jener Affäre bereits zu fünfzehn Monaten Gefängnis verurteilt worden war.

"Die Fünfte Republik ist ein Polizeistaat, weil es ohne Polizei keine Fünfte Republik geben würde": diesen Satz schleuderte François Mitterrand 1964 in seinem Pamphlet "Der permanente Staatsstreich" den regierenden Gaullisten ins Gesicht. Selten zuvor aber, das zeigt dieses Buch, war diese Fünfte Republik so sehr Polizeistaat wie unter Mitterrand selbst. Geschrieben hat diese 450 unerbittlichen Seiten ein Linker, eh einstiger Gauchist des Pariser Mai, der in den letzten Jahren wie viele Mitterrand-Anhänger noch die letzte Illusion über diesen Regenten verloren hat. Das macht luzid, erst recht, wenn jemand sein Metier so meisterlich beherrscht wie der Reporter und Detektiv Edwy Plenel. "La part d’ombre" ist dabei nicht einmal die erste chronique scandaleuse der Mitterrand-Jahre. Doch kein anderer Chronist verfolgte so beharrlich und beweiskräftig die Fährte bis zum Präsidenten selbst.

Edwy Plenel interessiert dabei nicht die Spinne, sondern ihr Netz. Was verbindet etwa den Präsidenten mit dem Industriellen Roger-Patrice Pelat, dem die Börsenaufsicht 1988 wegen insider trading bei der Übernahme des American National Can durch den französischen Staatsbetrieb Pechiney nachspürte? Eine alte Freundschaft aus der Zeit von Krieg und Widerstand. Pelat half in den siebziger Jahren dem Oppositionsführer Mitterrand mit Sekretariat und Fuhrpark, wofür der sich ganz offensichtlich 1982 revanchierte, als er den Staatsbetrieb Alsthom zum Kauf von Pelats Firma drängte, zu deutlich überhöhtem Preis.

Warum sperrte sich der Präsident gegen ein Verfahren gegen René Bousquet, einst Chef der Vichy-Polizei? Weil er die dunklen Jahre der Kollaboration im französischen Unterbewußten endlich ruhen lassen will – oder vielleicht eher, weil den Widerstandskämpfer Mitterrand seit Kriegstagen ein herzliches Verhältnis mit Bousquet verbindet? Das sind nur zwei Beispiele in Plenels langer Reihe von kleinen Scheußlichkeiten und großen Ungeheuerlichkeiten, an denen Mitterrands Amtszeit so reich ist.

Der Redner Mitterrand kämpft gern für Menschenrechte und gegen das große Geld, "das korrumpiert, das tötet": Der Präsident hingegen hält sich seine eigene geheime Polizei und pflegt seine Freundschaft zu den Reichen und Superreichen Frankreichs, zu Rechten wie Linken, an denen ihn nur ihre Nibelungentreue zu ihm selbst interessiert.

Selbst Edwy Plenel bleibt bei seinen Recherchen im Schattenreich Mitterrands noch die Faszination anzumerken, die von diesem Amoralisten ausstrahlt: Schließlich ist der erste "Sozialist" im Elysée der letzte Abenteurer, der in einer Demokratie mit solch verwegenen und verwerflichen Mitteln die Macht zu wahren weiß. Joachim Fritz-Vannahme