Jubel für Heinz Spoerlis neues Ballett im Düsseldorfer Opernhaus zu einer so gravitätischen wie beschwingten, zweihundertfünfzig Jahre alten Musik, die der Königlich Polnische und Churfürstlich sächsische Hofcompositeur Johann Sebastian Bach 1742 veröffentlicht hat unter dem barock sich bauschenden Titel "Clavier-Übung bestehend in einer Ana mit verschiedenen Veränderungen vors Clavicembal mit 2 Manualen – Denen Liebhabern zur Gemüths-Ergetzung verfertiget."

Seltsam die wachsende Bedeutung dieses auf einem mathematisch-architektonischen Grundriß errichteten, symmetrischen Kunstwerks, das der russische Gesandte am sächsischen Hof in Dresden, Reichsgraf Hermann Carl von Keyserlingk, beim Leipziger Capellmeister in Auftrag gegeben hat. Der kränkelnde Diplomat leidet unter Schlaflosigkeit. Hat er unter seinen Bediensteten nicht ein Wunderkind, den Cembalisten Johann Gottlieb Goldberg? Fünfzehn Jahre alt ist das Bürschchen, als es Bachs Noten zum ersten Mal im Kabinett neben dem Schlaf-Gemach seines musiknärrischen Dienstherren aufschlägt. Der hat sich vom Thomaskantor Klavierstücke erbeten, "so sanften und etwas munteren Charakters", daß er dadurch in schlaflosen Nächten "ein wenig aufgeheitert" würde.

Welchen Siegeszug haben Bachs "Goldberg-Variationen" in den letzten Jahrzehnten angetreten, seit Glenn Goulds (mitgesummter) ersten Platten-Einspielung (1955), der Digital-Aufnahme von 1980, George Taboris "Goldberg"-Stück, den verschiedenen Solo-Tanz-Versionen seit 1987 oder dem Ensemble-Stück von Jerome Robbbins 1971 mit dem New York City Ballet.

Erinnern wir uns an eine der schönsten, traurigsten Huldigungen in einem der großen deutschen Erzählwerke dieses Jahrhunderts? Im letzten Band seiner "Jahrestage" instrumentiert Uwe Johnson Bachs "Goldberg-Variationen" als große "Totenmusik": Als der Hauptfigur des Romans, Gesine Cresspahl, nach dem Vater ihres Kindes auch der andere für ihr Leben wichtige Mann bei einem Unfall stirbt, hört sie sich, wie die Tochter liebevoll bemerkt, "bis nach Mitternacht die Platte mit Variationen für den Schüler Goldberg an. Das Quodlibet zweimal!"

Also doch keine Trauermusik? Denn vor der Wiederholung der Eingangs-Musik am Ende erlaubt sich Bach einen überraschenden Ausbruch aus dem Korsett strikter Regeln mit einem Kanon über jeder dritten Variation: Im "Quodlibet" ("was euch gefällt", verspricht der lateinische Titel) stimmt der Thomaskantor zwei Schlager an, Gassenhauer seiner Zeit, bei denen die Hörer damals den Text mitsummen konnten: "Ich bin so lang nit bey dir gwest" und: "Kraut und Rüben haben mich vertrieben".

Wir sind längst wieder im Düsseldorfer Opernhaus: Anders als manche Choreographen bisher tüftelt Spoerli kein abstraktes Ballett auf Bachs bis in den Takt exakte Komposition aus, sondern hört aus den Variationen die Begleitmusik zu unseren menschlichen Freuden und Leiden, zu Angst und Glück. Wir werden Zeugen eines Tanz-Dramas vom menschlichen Leben zwischen Einsamkeit und Reigenspiel, Trauer und Lust, Jugendfröhlichkeit und Altersgebrechlichkeit, vom Werben und Verstoßenwerden.

Vor der Bühne sitzt am Konzertflügel: Shelley Katz. Die zwischen Blau und Grau, Schwarz, Weiß und düsteren Wolkenbildern wechselnden Vorhänge im Hintergrund der Bühne hat der holländische Maler Keso Dekker entworfen. Er steckt die Tänzer in kontrastierende Kostüme (schwarzweiß, vorn blau, hinten rot, graues Netz-Trikot).