Auf Berlins derzeit teuerstem Boden, zwischen Friedrichstraße und Gendarmenmarkt, herrscht Gertrud Lehmann, die Mutter der Bauarbeiter. Mittags teilen sich hier die Ströme der hungrigen Blaumänner in rechts (Zweireiher) und links (Einteiler). Die Luft wird zu einer Melange aus Wurst und Käse, wenn die Arbeiter mit den nassen Füßen und den leeren Mägen und die Nachbarn aus den umliegenden Büros in der „Einkaufsquelle“ Schlange stehen.

In ihrer grauverputzten Baracke, Wand an Wand mit dem eleganten Nachwende-Restaurant, schafft Frau Lehmann häusliche Atmosphäre. Die 58jährige im weißen Nyltestkittel begrüßt ihre Kunden mit Handschlag. Man kennt sich: „Wahnse krank jewesn?“ – „Könnse nich ma wat Schönes machn?“ Frau Lehmann macht. Schmiert die Stullen. Verbindet schon mal eine Wunde. Läuft Slalom zwischen aufgetürmten Getränkekisten, vorbei an Stapeln bunter Kochtöpfe. Verschwindet hinter der spanischen Wand und taucht mit Curry-Wurstsalat wieder auf.

Die Monopolistin des Einzelhandels ist in ihrem Element. Die wenigen Tische mit den lila Plastikdecken sind schnell besetzt. Flott rutschen die Schrippen mit Jagdwurst in die braunen DDR-Nostalgietüten, Bierflaschen werden geöffnet, der heiße Kaffee schwappt über den Tassenrand, und Herr Lehmann wartet auf seinen Einsatz. Schon balanciert er den Teller Bohnensuppe nach vorne.

Für den Arbeiter aus Rom einen Teller Nudeln, für einen anderen Soljanka. Die Männer bedanken sich auf ihre Weise. Neulich stand einer mit zwei Eimern Wasser vor der Tür, um an einem Schmuddelwettertag ihre Bude aufzuwischen.

Auf der gegenüberliegenden Straßenseite, Ecke Friedrich-/Französische Straße gähnt das derzeit größte Loch Berlins. Bald wird hier ein elegantes Kaufhaus strahlen, die Galeries Lafayette. Seit Wochen wird hier bis in die späten Abendstunden gebaggert, gebohrt und gerammt. Da ist für die Arbeiter die Baracke von Frau Lehmann der einzige Ort, an dem sie mal Pause machen können.

Im Mehrsprachengewirr von Französisch, Italienisch, Bayrisch und Berlinerisch poltert der Kühlschrank, und der Lärm von der Großbaustelle dröhnt. „Hier herrscht ein angenehmes Fluidum“, sagt Herr Lehmann aus dem Hintergrund. Er ist im Vorruhestand und hilft nun seiner Frau, wo er kann. Morgens macht er die Einkäufe in Mini- und Großmärkten. Im Laden wärmt er die Suppe, räumt das schmutzige Geschirr ab und spült.

Gertrud Lehmanns Arbeitstag hat nicht selten fünfzehn Stunden. An der Tür zur „Einkaufsquelle“ steht „Geöffnet bis 14 Uhr“, doch längst hat sie bis 6 Uhr abends auf. Und nicht selten ist sie noch um 10 Uhr da, um sauber zu machen.