Von Dietrich Willier

Ulm/Sarajevo

Mißtrauisch schnauzt Amir ins Mikrophon seines Kurzwellensenders: "Wer will die Informationen? Wir geben keine Auskünfte mehr, wenn wir nicht genau wissen, wer der Empfänger ist." Doch schon ist eine andere Stimme im rauschenden Äther zu hören. "Amir", beruhigt Husein Crnovrsanin aus Sarajevo seinen aufgebrachten Funkerkollegen in der eingeschlossenen ostbosnischen Provinzstadt Zepa, "du mußt berichten, was bei euch passiert, wir sind direkt mit deutschen Journalisten verbunden." Seit zwei Stunden hatte sich ein weiterer Radioamateur in Dalmatien am vergangenen Samstag um die Vermittlung dieser Funkkontakte bemüht – jetzt endlich war die Konferenzschaltung zwischen einer Ulmer Kellerwohnung und den von serbischen Milizen belagerten Enklaven Cerska, Srebrenica und Zepa perfekt.

Wir müssen uns beeilen. Immer wieder wird die Frequenz von Störsendern überlagert. Doch die Berichte der drei Funker vom Balkan greifen ineinander, ergänzen sich und zeichnen ein schemenhaftes Bild von der Lage in den seit Tagen heftig umkämpften Gebieten. Die Atemlosigkeit ihrer zerhackten Meldungen erinnert an den Hilfeschrei ihres Funkerkollegen beim Fall der bosnischen Königsstadt Jaice. "Jaice brennt, die serbischen Panzer kommen in unsere Straße", waren die letzten Worte, die damals im bosnischen Rundfunk von ihm zu hören waren; dann hatte eine schwere Detonation die Funkverbindung beendet.

Jetzt meldet sich Mirzat aus Cerska. Seit zwei Tagen, so berichtet er, werde das kleine Städtchen fast pausenlos bombardiert. Die Bewohner und auch die bewaffneten bosnischen Kämpfer seien in die umliegenden Wälder geflohen und hielten sich nun in Höhlen versteckt, die sie in Schnee und Erde gegraben hätten. Nur ein paar erschöpfte Frauen und Kinder, aber viele Kranke und Verwundete seien in den zerschossenen Häusern zurückgeblieben. "Es ist furchtbar", ruft Mirzat, "sie vergewaltigen Frauen und Kinder. Die Uno-Soldaten versuchen inzwischen, eine Sperre zwischen die Angreifer und uns zu legen. General Morillon wurde drei Kilometer vor Cerska von den Serben gestoppt. Er verhandelt seit Stunden mit ihnen und will, daß wir auf die Bedingungen der Tschetniks eingehen und uns ergeben. Der Morillon ist ohnmächtig... Wir werden alle zusammenbleiben und uns bis zum Ende verteidigen." Dann wird seine Stimme immer leiser und undeutlicher, bis sie schließlich zwischen undefinierbaren Pieptönen verschwindet.

"Wartet noch", meldet sich Husein aus Sarajevo wieder, "wir gehen jetzt über UKW nach Srebrenica." Sein Kollege dort wirkt müde und resigniert. "Was soll ich denn noch sagen?" will er wissen; "es interessiert ja doch niemanden." Und verbittert fährt er fort: "Was zählen denn schon die Uno-Resolutionen? Die Serben fliegen weiter, als sei nichts passiert. Heute morgen haben sie bei einem Luftangriff sogar Bomben abgeworfen. Sie beschießen uns mit Granaten. Sie haben Garantien gegeben, daß Cerska und Srebrenica nicht mehr beschossen würden. Aber sie machen weiter, als ob überhaupt nichts verhandelt wird."

Kata Skultć, die 33jährige Kroatin, die erst vor wenigen Tagen aus ihrer umkämpften Heimat ins schwäbische Exil geflohen war, läßt sich erschöpft und noch ein wenig bleicher als sonst in ihren Rollstuhl zurückfallen. Hier, im fernen und sicheren Deutschland, nahm die Funkamateurin sofort wieder den drahtlosen Kontakt zu den bosnischen Kriegsschauplätzen auf. Nach diesen letzten Originaltönen aus Srebrenica hat sie ihre schmalen Hände wütend und hilflos in die Armlehnen verkrampft. Soll sie weinen? Darf sie? Ihr kleiner Sohn Ivan fragt, ob wir Kaffee wollen. Kata winkt ab. Husein aus Sarajevo, so notiert sie, braucht dringend Batterien und Spinatsamen.