Warum sind die Ungarn so melancholisch? Warum sind sie so ungeheuer traurig?

LÁSZLÓ KRASZNAHORKAI: Warum sind zum Beispiel die Russen so traurig? Ich könnte da die Namen vieler Völker nennen. Ich glaube, es gibt eine Traurigkeit in der Welt, die ist wie eine Wolke über einem Tal. Diese Traurigkeit existiert, doch nicht alle Leute können sie wahrnehmen. Jedenfalls wäre ich dankbar, wenn der Satz, daß alle Ungarn traurig sind, zutreffen würde; ich zumindest fühle diese Traurigkeit.

Unter den zeitgenössischen ungarischen Schriftstellern, die auch in Deutschland bekannt geworden sind, gehören Sie zu den jungen – auch wenn Sie jetzt bald vierzig Jahre alt werden. Sie sind unter anderen Bedingungen aufgewachsen als etwa Miklós Mészöly, István Eörsi oder György Konrád. Sie haben weder die stalinistische Politik des Mátyás Rákosi erdulden müssen, noch haben Sie den Volksaufstand 1956 und dessen Niederschlagung bewußt erlebt. Sie sind groß geworden unter der moskautreuen, aber doch gemäßigten Regierung János Kádár. Peter Esterházy hat im Rückblick auf diese Zeit geschrieben: "Nachträglich betrachtet muß ich sagen, daß in einer Diktatur die Situation des Schriftstellers sehr angenehm ist (höchstens sein Leben ist schwer), es ist angenehm, weil er seinen Platz genau kennt."

KRASZNAHORKAI: Vielleicht war die Diktatur angenehm für Peter Esterházy oder Peter Nádas. Aber für mich keineswegs. Ich möchte lieber eine andere Seite der Frage beleuchten. Meiner Meinung nach hat ein Künstler keine politische Rolle.

Seine politische Rolle besteht darin, daß er keine politische Rolle hat. Nur das Nein zur Politik hat einen Sinn.

Obwohl Sie nicht eigentlich ein politischer Künstler waren, hat Ihnen die Staatspolizei nachgestellt.

KRASZNAHORKAI: In der letzten Zeit der Diktatur, die ich als Erwachsener kennengelernt habe, also der spätkádárschen Zeit, genügte es schon, einen treffenden Satz über die Staatspolizei zu sagen oder eine Warnung vor ihr auszusprechen. Zugleich konnte man die ungarische Polizei aber auch bespötteln, denn wie fast überall in unserem Land herrschte dort der Schlendrian. Die Polizisten interessierten sich nicht im mindesten für ihre Arbeit.