Von Fredy Gsteiger

Wenn tief unten die Grenze auftaucht, verschwinden hoch oben die Flaschen. Das Regime der Mullahs achtet auch im Luftraum auf Sittenstrenge. Chomeini ist zwar tot, nicht aber die von ihm zu Gesetzen erhobenen Tabus. Spätestens wenn die Lichter der Vierzehn-Millionen-Megalopolis Teheran sichtbar werden und die weiblichen Passagiere Tschador oder Kopftuch überstülpen, wird jedem klar, daß Reisende im Iran zwar neuerdings wieder willkommen sind – als Besucher auf Zeit, aber nicht als Boten westlicher Kultur.

"Welcome!" strahlt denn auch der Paßbeamte. Wann hört man so was heute noch an Europas Pforten? Dann prüft er penibel die Reiseausweise und mustert mit kritischem Blick das Tenue. Natürlich nimmt es auch hier die deutsche Weiblichkeit am genauesten: Viele Nummern zu groß die grauen Regenmäntel, straff gespannt die Kopfbedeckung; die Italienerinnen zeigen mehr souplesse; da genügen schon mal eine längere geblümte Bluse und ein Hütchen.

Teheran schön zu finden fällt schwer. Dafür ist die Stadt zu schnell gewachsen. Die mächtige Kette des Elbrus-Gebirges läßt sich im Smog häufig erst erkennen, wenn man fast schon mit der Stirn dagegenschlägt. Umgekehrt vermögen die Schickeria-Jugendlichen aus dem reichen Norden der Stadt, die sich in den Bergen am Wochenende zum geschlechtlich getrennten Skifahren treffen, in der trüben Luftsuppe unten rein gar nichts zu erkennen. Dort leben die Armen. Das wissen sie. Aber mit ihnen hat man ja, Allah sei Dank, nichts zu tun. Allenfalls fällt ein verächtlicher Blick auf die gigantischen Betonwohnställe für Millionen. Nachts sehen sie mit ihren Tausenden von Lichtern aus wie die übelsten unter den Pariser Vorstädten; tags noch weitaus elender.

Wer ein bißchen herumwühlt, findet im Buchgeschäft einen Band in speckigem Umschlag mit dem Titel "Der Iran, wie er wirklich ist". Druckdatum 1971. Das Wohnungsbauprogramm des Schahs wird darin als große Errungenschaft gepriesen. Eigentlich ketzerisches Schriftgut: Doch des Imams gestrenges Auge kann nicht überall sein.

Und seine Nachfolger müssen des öfteren eins oder gleich beide zudrücken. Auf einem klapprigen Touristenbus steht, wohl unfreiwillig ironisch, "in God we trust", in jener Schrift, die von jeder amerikanischen Dollarnote her bestens vertraut ist. Auf dem Dachgepäckträger sind dann freilich zwei Reservereifen festgezurrt – Gottvertrauen allein hilft halt auf den holprigen Landstraßen Persiens nicht aus der Patsche, auch dem Gläubigsten nicht.

Der Gläubigste wohnte übrigens im Norden der Stadt, dort wo die Luft besser und das Elend ferner ist. Er lebte in einer kargen Klause, die heute noch anmutet, als sei der Imam bloß kurz über den engen Laufsteg in die Moschee gegangen, um zu beten. Die spärlichen Touristen sehen sich die paar Reliquien an, die sie aus dem Fernsehen längst kennen: den kleinen Schreibtisch, die Stoffcouch, die Bücher. Die Iraner selber gucken sich lieber in den wieder zugänglichen feudalen Palästen des Schahs um – Kargheit haben die meisten ja zu Hause reichlich. Mit einer Mischung aus Abscheu und Bewunderung staunen sie angesichts der marmornen, güldenen und plüschigen Pracht. Zurückhaben möchten allerdings die wenigsten den selbstverliebten "König der Könige". Daran ändert auch all der Verdruß mit den Mullahs nichts, die nicht halten können, was sie an sozialen Verbesserungen versprochen haben. Statt dessen blasen sie in panischer Angst vor westlichen Dekadenzoffensiven immer wieder zu lästigen Kampagnen zur Förderung der Tugend und Ausrottung des Lasters.