Von Joachim Fritz-Vannahme

Bonn

Nach den Regeln der Algebra zählen die Freien Demokraten nicht zu den Verlierern bei den hessischen Wahlen. Eine Fünf vor dem Komma sei allemal besser als eine Vier, dozierte am Tag darauf Graf Lambsdorff; und wenn Engholms Partei jene nullkommadrei Prozent hinzugewonnen hätte, stichelte der FDP-Vorsitzende, wäre der doch glücklich.

Vielleicht muß einer die Lebenserfahrung des scheidenden Parteichefs Lambsdorff haben, um sich mit solch leisem Pfeifen – nach der Melodie "Wir sind noch mal davongekommen..." – auf der Kellertreppe zu vergnügen. Dabei bleibt im dunkeln, in welche Richtung seine Partei ihre Schritte eigentlich lenkt. Denn nach den Regeln der Politik gehört der kleine Gewinner der Hessenwahl zu den Verlierern. Seit vergangenem Sonntag müssen die Liberalen mit der Erkenntnis leben, daß sie bei einer Wahl nur noch fünftstärkste Partei und damit als Mehrheitsbeschaffer für einen der beiden Großen womöglich ganz überflüssig werden können. Ihrer Jagd im Unionsrevier blieb der kapitale Erfolg versagt. Denn die CDU-Wähler wechselten in ganz andere Regionen. Die Liberalen befällt weniger die alte Angst vor einer Umarmung der beiden großen Parteien als vielmehr die Furcht vor dem eigenen Gewichtsverlust in der derzeitigen kleinen Koalition.

Werner Hoyer, seit dem vergangenen Wochenende designierter Generalsekretär der FDP, verkneift sich im Gespräch darum lieber jedes vergnügte Pfeifen. Dem 41jährigen Sicherheitspolitiker und parlamentarischen Geschäftsführer, der nebenbei internationale Wirtschaft an der Universität Köln lehrt, liegt Ernüchterung in diesem Augenblick näher als Genugtuung. Strategischer Spielraum fehlt seiner Partei mehr denn je. Wo etwa im gerade laufenden zweiten Akt der Solidarpakt-Inszenierung die Fehde zwischen Bund und Ländern die Szene beherrscht, stehen die Liberalen recht verloren in den Kulissen. Kein Landesfürst muß auf sie hören, wenn er mit festem Griff sein Säckel gegen die Bonner Sparpolitiker verteidigt. Die egoistischen Ministerpräsidenten hätten sich jüngst in Potsdam aufgeführt, als wollten sie die Bundesrepublik zum Deutschen Bund zurückentwickeln: Doch Werner Hoyer weiß, daß er leicht schimpfen kann, saß doch seine FDP im Cecilienhof nicht einmal am Katzentisch.

Federführend beim Föderalen Konsolidierungsprogramm, im neuen Bonner Wörterbuch ein besonders gräßlicher Eintrag, ist der Finanzminister von der CSU. Für den Liberalen Günter Rexrodt gilt die Schonfrist der hundert Tage nicht. Denn der Solidarpakt wird jetzt ausgehandelt, und seit der Wahl in Hessen ist der Druck zur raschen Entscheidung noch gewachsen. Das Diktat der Staatsfinanzen läßt in diesen Tagen dem neuen Wirtschaftsminister keinen Platz zur Profilierung.

Mit Werner Hoyer, vom Naturell her eher ein analytischer Kopf denn ein polemisches Temperament, weiß die FDP zwar einen kundigen Wirtschaftswissenschaftler in den Koalitionsrunden. Hoyers Domäne aber war bisher die Außenpolitik. Klaus Kinkel als Parteivorsitzender und Werner Hoyer als sein Generalsekretär könnten zu dem Doppelteam werden, das der scheidende Vorsitzende Lambsdorff und der gescheiterte Uwe Lühr nicht waren. Doch mehr denn je wird die FDP damit zur Partei der Außenpolitiker.