Von Marco Finetti

Entweder es regnet, oder es läuten die Glocken“, hatte uns unser Gegenüber im Zug noch gesagt. Natürlich kannten wir den Spruch längst, der immer dann unweigerlich auftaucht, sobald die Rede von Münster ist. Vorerst entpuppt er sich jedoch als Klischee, denn als wir aussteigen, empfängt uns weder westfälischer Landregen noch Glockengeläut. Die Münsteraner antworten auf solche und ähnliche Vorurteile gerne mit ihrem reichlich unbescheidenen Motto: „Unter Deutschlands Schönen eine der Schönsten!“ Dem kann man nicht einmal widersprechen.

Hinzuzufügen wäre freilich: „Unter Deutschlands vollen Städten auch eine der vollsten!“ In den Straßen und Gassen der historischen Stadtmitte wäre es allein für die Einheimischen schon reichlich eng. Sie aber scheinen fast eher in der Minderheit zu sein. Tausende Touristen zieht es täglich in die „Stadt des Westfälischen Friedens“, zudem kauft ganz Westfalen hier, im „Oberzentrum“, ein. Nicht zu vergessen die mehr als 50 000 Studenten, die nicht nur die Institute und Bibliotheken der drittgrößten deutschen Universität schätzen, sondern mindestens ebenso das Freizeit- und Kulturangebot drum herum.

Der erste Eindruck ist gleich der richtige: Fahrräder über Fahrräder, wohin der Blick auch geht. Neben allem anderen ist Münster die Radfahrerstadt der Republik. Die Statistik spricht Bände: Auf 272 000 Einwohner kommen 280 000 Fahrräder – oder „Leezen“, wie sie hier heißen. Der Trend zum Zweitrad hält an. Und wehe dem Fußgänger, der auf einem der vielen rotgepflasterten Fahrradwege stehenbleibt! Radler haben hier Vorfahrt – und bestehen darauf!

Drahtesel, so weit das Auge reicht, säumen auch unseren Weg vom Bahnhof durch die Windthorst- und die Ludgeristraße mitten auf den Prinzipalmarkt, die „gute Stube“ der Stadt. Sie lassen wir aber vorerst rechts liegen, denn nur wenige Meter entfernt lockt am Samstagvormittag der große Markt auf dem Domplatz. Das farbenfrohe, fast südländisch anmutende Spektakel läßt die ebenfalls oft gehörten Vorurteile über dickschädelige und humorlose Westfalen rasch in sich zusammenbrechen. Hinter den Buden und Ständen erhebt sich der wuchtige romanische Paulus-Dom, um ihn herum das Bischofspalais, der Sitz des Regierungspräsidenten, Teile der Universität und das Westfälische Landesmuseum für Kunst- und Kulturgeschichte. Geistige, weltliche, kulturelle und wirtschaftliche Macht – die für Münster typische Mischung präsentiert sich hier auf engstem Raum. Der Wochenendbesucher mit nur wenig Zeit weiß so etwas natürlich zu schätzen.

Zurück auf dem Prinzipalmarkt, fällt der Blick sofort auf die gotische Giebelfront des Rathauses. Hier drängt alles in den Friedenssaal. Lange ist es her, daß halb Europa in Münster und im nahen Osnabrück über das Ende des Dreißigjährigen Krieges verhandelte; am Schluß stand 1648 jener Westfälische Friede, von dessen Ruhm die Münsteraner noch heute zehren.

Die denkwürdigen Ereignisse sind in dem düsteren Saal denn auch auf zahlreichen Gemälden und Kupferstichen verewigt. Mindestens genauso interessant aber sind die Kuriositäten in einem kleinen Aktenschränkchen: die abgehackte Hand eines Unbekannten und der Pantoffel, den eine Dame während der Friedensgespräche hier vergessen oder verloren hat.