Von Norbert Kostede

Frankfurt

Im Kamerun, die Träume ruhn – jedenfalls die Träume der Frankfurter SPD. "Kamerun", so taufte ein Witzbold um die Jahrhundertwende das Gallusviertel hinter dem Frankfurter Hauptbahnhof: kleine Fabriken, Arbeitermilieu. Hier leben heute über zwanzig Nationen, aber nur eine hat das Wahlrecht. Auf einen Deutschen kommen zwei Ausländer, auf 7687 Wahlbeteiligte kommen 1500 Wähler rechtsradikaler Parteien. Rund um die Galluswarte erhielten Republikaner, NPD und Deutsche Volksunion zwanzig Prozent der Stimmen; derweil verlor die SPD neun Prozentpunkte.

Wie kann ein sozialdemokratischer Traditionsbezirk so dramatisch nach rechts kippen? "Ganz einfach, der Gallus wird modernisiert." In seinem schwarzen BMW erklärt Jürgen Hupe die Lage: "Hochhäuser für Banken und Versicherungen sind auf dem Vormarsch; das alte Fabrikgebäude von "Adler Triumpf" dagegen steht unter Denkmalschutz; im Galluspark II werden Wohnungen für zahlungskräftige Mittelschichten gebaut – in keinem anderen Viertel stößt das Neue so hart auf die Tradition." Genosse Hupe, 51 Jahre alter Sozialdemokrat, hört Schreie selbst im lautesten Autoverkehr: "Genug Ausländer! Mehr Wohnungen! Kein Parkplatz! Von hundert Leuten in diesem Bezirk rufen zwanzig ständig um Hilfe. Hat meine Partei denen etwa geholfen?" Opfer und Sündenböcke der Modernisierung leben im selben Stadtteil, und Hupe ist ihr Ortsvorsteher.

Vor zwanzig Jahren hatte der SPD-Ortsverein noch sechshundert Mitglieder, heute sind es knapp einhundert. Mit dreißig Aktiven – "zwanzig davon im Vorstand" – zog Hupe in den Wahlkampf. Sein Resümee aus unzähligen Gesprächen: "Asylpolitik war das Thema Nummer eins. Deutsche und Ausländer leben hier zwar friedlich aneinander vorbei. Angesichts der Brandanschläge im Rest der Republik ist das ja schon ein Erfolg. Aber die Grenzen der Integrationsfähigkeit sind längst erreicht." Die Mehrheit der Frankfurter SPD hat den Bonner Asylkompromiß abgelehnt. Die eine Hand am Steuer, faßt Hupe sich mit der anderen an den Kopf: "Wie soll ich das den vielen alten Leuten hier erklären, die sich vor einer türkischen Jugendbande oder vor marokkanischen Drogenhändlern fürchten?" Da helfe nur eine große Koalition. Der Zuzug von Ausländern müsse scharf gebremst werden, "sonst wählen bald alle Leute Republikaner".

Wie sieht ein Republikaner in diesem Viertel aus? "Guten Tag, Herr Schultheis", begrüßt die Bäckerin in der Gutleutstraße ihren Nachbarn: "Kännchen Kaffee, wie immer?" Wer hinter dem Frankfurter Bahnhof die Republikaner wählt, der wählt Heinz Schultheis. "Schreiben Sie das, ich habe gute türkische Freunde. Aber bei Scheinasylanten sage ich: Grenzen dicht!" Wenn Schultheis aus der Tasse schlürft, hängt der linke Arm wie leblos am Körper herab. "Nerv eingeklemmt, Berufskrankheit", meint der 59jährige städtische Busfahrer lapidar, "ich bin jetzt in Rente."

Weil ihm die CDU "zu links" war, trat er im vergangenen Sommer aus der Union aus: "Auch da schwafeln zu viele vom Einwanderungsland." Sein Wahlkampfschlager war der soziale Wohnungsbau am Rottweiler Platz. "Jeder konnte es sehen: Da kamen zu viele Ausländer rein. Wir Deutsche müssen hier überhöhte Mieten zahlen, und die bekommen vom Magistrat Wohnungen und Sozialhilfe nachgeschmissen." Und seine eigene Miete? Mit Frau und Kater wohnt Schultheis für 360 Mark in einer 87-Quadratmeter-Wohnung, drei Zimmer, Küche, Dusche, Bad – auch nicht schlecht.