POTSDAM. – Die vierzehnjährige Schülerin Sandra Hübner aus Schwerin wirkt auf den ersten Blick ein wenig schüchtern. Aber dann erzählt sie von jenem Samstagabend im September 1992: „Ich dachte nur, wegrennen kannst du nicht, da mußt du jetzt durch.“

Rund fünfzig Skins hatten sich an diesem Abend zusammengerottet, zogen durch die Straßen Schwerins, brüllten Hetzparolen und bauten sich schließlich vor dem Asylbewerberheim auf – genau dort, wo sich Sandra gerade mit ihren ausländischen Freunden die Zeit vertrieb. Bei der Erinnerung an diese Situation wird ihre Stimme fester: „Ich mußte doch etwas sagen.“ Sie habe auf die Skinheads eingeredet, die Asylbewerber in Ruhe zu lassen, schließlich seien das „Menschen wie wir auch“. Die Burschen sahen das anders, schlugen Sandra zusammen, traten sie mit Stiefeln und jagten sie schließlich davon.

„Sie hat am ganzen Körper gezittert“, erinnert sich die Mutter. Ihr Gesicht sei verschwollen gewesen, die Beine übersät mit Prellungen. Sie wollte eigentlich Anzeige erstatten, aber die Jungen hätten Sandra gedroht, daß es dann erst richtig Ärger geben würde. „Das muß ja auch nicht so aufgebauscht werden“, sagt der Vater, Polizeibeamter in Schwerin. Streit unter Jugendlichen gäbe es doch immer.

Sandra hat Mut bewiesen, wie er nicht oft zu erleben ist. Um noch mehr Menschen zu ermuntern, verliehen die Brandenburger Ministerin Regine Hildebrandt sowie die Ausländerbeauftragte Almuth Berger jetzt erstmals den „Preis für Zivilcourage und Toleranz“. Vier Frauen wurden geehrt, die auf sehr unterschiedliche Weise Menschen unterstützt haben, die aufgrund ihrer Herkunft in Not gerieten, und damit bewiesen, daß viele Frauen „brutale Gewalt und dumpfen, unreflektierten Haß“ nicht einfach hinnehmen würden.

Tatsächlich gibt es in Brandenburg Handlungsbedarf: Rund 280 rechtsextremistisch motivierte Gewalttaten zählte Almuth Berger im vergangenen Jahr. Damit schiebt sich Brandenburg auf die zweite Stelle der Statistik, nach Mecklenburg-Vorpommern. Wie unterschiedlich Hilfe gegenüber Asylbewerbern aussehen kann, zeigen die Geschichten dieser vier.

Die 73jährige Dorothea Hinze aus Fürstenwalde hat seit einigen Monaten ein weiteres „Enkelkind“: den zehnjährigen Sohn einer Vietnamesin, die in ihrer Heimat wegen „politischer Agitation“ verfolgt wird. Die junge Hochschullehrerin war mit ihrem Sohn vor zwei Jahren nach Deutschland gekommen und lebte zuerst in dem Fürstenwalder Asylbewerberheim. Dort ging Frau Hinze, über drei Jahrzehnte in der Kinder- und Jugendarbeit der örtlichen Kirchengemeinde tätig, täglich ein und aus. Am 3. Oktober vergangenen Jahres sei der Junge aufgeregt zu ihr gekommen, es hieß: „Die Nazis kommen.“ Sie nahm Mutter und Sohn bei sich auf. Jetzt kämpft Frau Hinze um die Anerkennung der jungen Vietnamesin als Asylberechtigte.

Mariana-Natasa Wiggert, geboren in Rumänien, lebt seit 1979 mit ihrem deutschen Ehemann in Wittenberge. Vor zwei Jahren begann Frau Wiggert, die vier Sprachen beherrscht, ihre Arbeit in einem Asylbewerberheim. Sie betreute damals rund siebzig Asylbewerber aus dreizehn Nationen, und das sei, so erinnert sie sich, „manchmal sehr schwierig gewesen“. Vor allem Geduld, viel Zeit für Gespräche und sehr viel Verständnis mußte sie beweisen, bis sie ihr Ziel erreichte: „Ich wollte das Miteinander im Heim fördern.“ Jetzt spielen moslemische und christliche Kinder gemeinsam, man kocht und feiert zusammen, fühlt sich wohl in dem Heim. Das aber reichte ihr nicht aus. Sie wagte mit ihren Schützlingen den Schritt nach „draußen“, besuchte mit kleinen Gruppen die örtlichen Schulen, organisierte Fußballspiele und Feste mit Asylbewerbern und Wittenberger Jugendlichen. Einen Achtstundentag kennt sie nicht: „In diesem Beruf muß man entweder alles versuchen oder es gleich ganz seinlassen.“