Von Bodo Morshäuser

Alle suchen Antworten. Claus Leggewie hat eine: In seinen Augen gehören die jetzt jungen Menschen (wie alle zehn Jahre wieder) einer "verlorenen Generation" an, "die sich selbst (und der Glotze) überlassen blieb". Dabei sei nie "so viel Reichtum an so wenige Nachkommen übergeben worden". Man hätte sie strenger erziehen sollen, und – Schuldspruch – "Nachsitzen müssen die Eltern und Erzieher".

Wer die Schuld verteilt, unterstellt und setzt voraus, daß sie bei ihm selbst nicht zu finden wäre. So etwas nenne ich Selbstentlastung. Von Selbstentlastungen aller Schattierungen ist die Diskutiererei über Rechtsextremismus geprägt.

Die Antwort, man habe die Kinder "falsch" erzogen, insinuiert, daß man sie hätte "richtig" erziehen können. Wären irgendwelche "Erziehungsziele" aufgegangen – gäbe es dann keinen Rechtsextremismus? Gab es einen "Erziehungsweg", der zum Ziel geführt hätte, wenn er nur angewandt worden wäre? Und zu welchem Ziel? Zu dem einer antifaschistischen Jugend? Nachträgliche Kausalitätsspekulationen empfinde ich nur noch als Zumutung. Den Begriff "Erziehung" in dieser Situation in bezug auf den Rechtsextremismus einzubringen ist obszön.

Sowieso finde ich es erstaunlich, von einem "Antiautoritären" den Begriff "Erziehung" präsentiert zu bekommen, als wäre nichts gewesen. Als das heute als beifallklatschender Mob verachtete Proletariat umschwärmt und zum entscheidenden Faktor der Weltgeschichte hochstilisiert wurde, als man an die Stelle von Erziehung höchstens die Regulierung von Sozialisationsprozessen setzen zu können meinte, handelte man als Nachkriegsgeborener doch in einer Tradition, die selber schon Teil dessen war, wie die Deutschen sich nach dem Krieg selbst erzogen.

Ich höre noch einige unverbesserliche Alte von damals sagen, die Erziehung habe versagt und den Jugendlichen gehe es zu gut. Diese Haltung tut so, als hätten Erzieher die Wahl, als seien sie – hierzulande – nicht selber schon falsch Erzogene.

Wenn hier etwas gescheitert ist, dann die Erziehung der Nachkriegsdeutschen insgesamt. Gegen diese Behauptung spricht, daß sich in Westdeutschland eine stabile Demokratie entwickelte und das Leben wieder erlernt wurde. Jetzt wollen ja auch viele diese Demokratie erhalten, über die sich immer so leicht schimpfen läßt (bis die nächste Regierung das laute Schimpfen wieder verbietet). Das Lernziel Zivilisation haben die Westdeutschen also durchaus erreicht.