Von Rainer Kreuzer

Dieter Höft ist ein Unikum. Schon sein Äußeres signalisiert: Ich komme aus einer anderen, besseren Zeit. Ein über der Brust hängender mittlerweile angegrauter Vollbart, seine schulterlangen Haare, auch sein Lederhut und nicht zuletzt sein weißes T-Shirt, das eine Harley Davidson zeigt, weisen ihn als Mann der siebziger Jahre aus: ein Freak mit Beharrungsvermögen. Und wer ihn trifft, wird den momentan arbeitslosen Sozialarbeiter so schnell nicht vergessen – und darauf legt er im übrigen auch großen Wert.

Den 42jährigen als großzügig, hilfsbereit und gastfreundlich zu bezeichnen, klingt altmodisch, beschreibt den Mann aber genau. „Mir ist Geld nicht so wichtig. Solange was im Kühlschrank ist, teile ich“, gibt er als Ausweis seiner Nächstenliebe bekannt. Seine Lebensaufgabe ist gleichzeitig ein kurioses Hobby: Dieter Höft sammelt Tramper ein, die beim Einbruch der Dunkelheit auf den Autobahnraststätten im Umkreis Bremens hängengeblieben sind.

„Private Tramperhilfe“ nennt er das. An den Verkehrsschildern auf den Raststätten kleben schmale Schriftstreifen mit dem Hinweis auf den kostenfreien Service. Wer nicht im Freien schlafen möchte, soll anrufen. Der graue Engel holt ihn ab, auch nachts. In zwei Gästezimmern stehen vier Betten bereit. Auf den Kopfkissen liegt für jeden Gast ein Täfelchen Schokolade. Nach dem Frühstück bringt der spendable Herbergsvater seine Klienten wieder dorthin, wo er sie abgeholt hat.

Ganz so uneigennützig, wie er auf den ersten Blick erscheint, ist der Freund der Anhalter allerdings doch nicht. Geld verlangt er keines für seine Hilfe, doch ein Paßphoto, das erbittet er schon. Von diesen Lichtbildern hat er schon Tausende gesammelt. Feinsäuberlich finden sie sich eingeklebt nebst Namen und Anschriften in seinen Gästebüchern. Es scheint, als sammle Dieter Höft Menschen, zumindest ihre Photos. „Nein“, wehrt er ab, „es sind Zeugnisse dafür, daß ich Freunde in der ganzen Welt habe.“

Früher habe er zu Weihnachten Päckchen und Bündel mit Postkarten bekommen, erinnert sich der Trampervater wehmütig. Im vergangenen Jahr fand er allerdings nur derer zwei in seinem Briefkasten. Der Althippie ist enttäuscht über seine Gäste jüngeren Jahrgangs. „Die nehmen alles, betrachten das als selbstverständlich und bedanken sich noch nicht einmal“, klagt er. „Die richtigen Tramper“, gemeint sind die alternativen Weltenbummler, mit dem „echten Feeling“, die seien rar geworden.

An ihrer Stelle treffe man heute eher die Zwecktramper: arbeitslose Jugendliche, Obdachlose, Berber, Punks und jene, die einfach nur billig reisen wollen. „Solidarität ist da kaum noch“, wirft ihnen Dieter vor, „jeder denkt nur an sich und wie er auf Kosten anderer vorankommt.“