Wenn die Säfte wieder steigen, dann beginnen auch die Nasen zu laufen. Wenn der Frühling ins Land zieht, dann ist Schnupfenzeit, und die Menschen schlagen aus. Hemmschwellen schrumpfen auf Millimeterhöhe zusammen, während die Schleimhäute anschwellen. Hie die Verschnupften, dort die Nichtverschnupften. Keine Polarisierung kann schärfer sein.

Ich spreche hier nicht von den wahllos entsorgten Taschentüchern, die, Zeitbomben gleich, Freunde, Kollegen und Familienmitglieder mit Rhinoviren treffen sollen. Die Rede ist nicht von den Waffenarsenalen, den bewährten Hausrezepten und Medikamentenbergen, mit denen Freunde, Kollegen und Familienmitglieder den verschnupften Menschen bedienen. Dampfbäder über siedendem Salzwasser, Blitzgüsse heiß und eiskalt, bei Fieber Wadenwickel, also nasse Socken im Bett anziehen und stramm liegen.

Die direkte Konfrontation von Verschnupften und Nichtverschnupften ist geeignet, uns Aufschluß zu geben über zwischenmenschliche Beziehungen. Die zwischenmenschliche Beziehung als Abwehrmaßnahme. Sie findet immer dann statt, wenn einer dem anderen aus dem Weg gehen will, vorzüglich der Nichtverschnupfte dem Verschnupften. Denn der Nichtverschnupfte glaubt, ein besserer Mensch zu sein. Ein besserer Mensch niest und schnieft nicht den ganzen Tag quer durch das Büro und faßt sich nicht immer triefenden Auges an die eigene Nase. Ein besserer Mensch gehört keiner Minderheit an, die von sich allen Ernstes immer wieder behauptet, daß es ihr schlechtgehe. Ein Nichtverschnupfter ist der Ansicht, daß jedermann etwas gegen seinen Schnupfen tun kann. Er jedenfalls könnte, wenn er ihn hätte. Er hat aber keinen. Also bitte!

Allerdings, ganz im geheimen beneidet der Nichtverschnupfte den Verschnupften. Er beneidet ihn um seine Hemmungslosigkeit. Wie der Verschnupfte unüberhörbar seine Gefühle zeigen will und dies auch tut! Das würde er, der Nichtverschnupfte, sich nie erlauben. Zumal bei so ausgesprochen schlechten Gefühlen! Der Verschnupfte ist griesgrämig, sauertöpfisch oder hinfällig, weinerlich und kratzbürstig in einem Es ist nicht zu übersehen, daß er in Ruhe gelassen werden will, er hüllt sich deshalb in dicke Decken und Schals. Andererseits: Kleine Trompetenstöße in flatternde Taschentücher sind unüberhörbare Signale. Ebenso der verhalten beginnende Husten, der sich zu Kaskaden, ja zu zwingenden Erstickungsanfällen auswachsen kann. Wer so bellt, will gehört werden und andere nicht mehr hören.

Verschnupfte, das argwöhnt der Nichtverschnupfte, sind Menschen, die sich selbst fühlen, wiewohl sie behaupten, weder riechen noch schmecken, noch sonst etwas zu können. Sie fühlen ihre Aggressionen, und die lassen sie so ungezügelt schießen wie alles andere, das der Schnupfen zutage bringt. Daß sich eben das in der Gruppe der nichtverschnupften, besseren Menschen ganz und gar nicht gehört, ist nicht mal ein schlechter Trost. Es ist gar kein Trost.

Bis hierhin scheint alles in der gehörigen Ordnung zu sein. Das alles kennen wir. Das ist uns vertraut. Vertraut auch das Gefühl, mit der anderen Gruppe nicht tauschen zu wollen. Egal, zu welcher Gruppe wir uns zählen. Und in der Tat: Sogar Verschnupfte können sich selbst annehmen! Ein Stück weit jedenfalls. Sie genießen ihre Ziellosigkeit. Was haben sie zu verlieren? Ihren Schnupfen.

Und doch gibt es etwas, was diese Gruppendynamik von allen anderen zwischenmenschlichen Abwehrmaßnahmen unterscheidet: Die Möglichkeit, von einem besseren Menschen zu einem Verschnupften zu werden, kann stündlich eintreten. Und das mag, so wollen wir hoffen, der Grund dafür sein, daß die Wissenschaft seit über vierzig Jahren nicht damit herausrückt, wie Schnupfen erfolgreich zu bekämpfen wäre.

Viola Roggenkamp