ZDF, Sonntag, 14. März, 0.20 Uhr: "Die Reue"; Montag, 15. März, 0.40 Uhr: "Die Freiheit ist ein Paradies"; Dienstag, 16. März, 0.15 Uhr: "Zerstörung"

Der Diktator, der den begabten Maler in den Tod treibt – schuldig, gewiß. Aber sein Sohn, sein Enkel, die seine verbrecherische Willkür nicht wahrhaben wollen? Der Lagerkommandant, der den Vater gefangenhält, aber den Sohn zu ihm läßt – schuldig? Und der Chefredakteur, der eine Katastrophe zu verschweigen befiehlt – auch er ein Schuldiger?

Drei Figuren, drei Kapitel sowjetischer Geschichte: der Personenkult um Stalin; die menschenvernichtenden Straflager, die auch die Perestrojka nicht beseitigt hat; die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl, deren Ausmaß jahrelang verschwiegen wurde. Drei sowjetische Filme, die, noch bevor die UdSSR zerbrach, die eigene Geschichte inspizieren.

Wer ist Täter, wer Opfer in einem totalitären Regime? Der Enkel des toten Diktators schreit: "Wir alle sind schuldig!" Das sagt auch der betrunkene Journalist, bevor er zum geborstenen Reaktor fährt, ihn erklimmt und auf seinen Trümmern die Sowjetflagge hißt. Alle schuldig? Die Bilder der drei Filme, die das ZDF jetzt in einer kleinen, nächtlichen Reihe ausstrahlt, unterscheiden Täter und Opfer.

Am deutlichsten geschieht dies in "Die Reue" von Tengis Abuladse, entstanden 1984 und danach noch Jahre in den Archiven zurückgehalten. Der Film ist nicht nur eine Allegorie auf Stalin und den Personenkult, sondern versucht, in symbolisch überhöhten, surrealen Bildern das Funktionieren einer Diktatur zu erklären. Der Tyrann ist der Bürgermeister Warlam Arawidse, ein Despot mit dem Schädel Stalins, dem Schnurrbart Hitlers, der Uniform Mussolinis. Mittäter sind sein Sohn und dessen Familie, die seine Verbrechen auch nach seinem Tod rechtfertigen: "Auf dem Weg zum Ziel passieren immer Irrtümer ..." Opfer dieser Diktatur jenseits der realen Geschichte – die Schergen tragen Ritterrüstung, während ein korrupter Staatsanwalt mit einem Spielzeug aus den achtziger Jahren hantiert – ist der zur Christusfigur stilisierte Maler Sandra Barateli.

Der Despot umschmeichelt den Künstler, doch als der sich nicht korrumpieren läßt, bringt Arawidse ihn ins Gefängnis, wo der Maler-Christus im weißen Lendentuch stirbt. Aber erst nach dem Tod des Bürgermeisters Jahrzehnte später bringt Baratelis Tochter Ketewan die Verbrechen ans Licht: Immer wieder gräbt sie Arawidses Leichnam aus und legt ihn der Familie in den Garten. Und wenigstens der Enkel des Diktators erkennt die Mitschuld der Familie, die an den Enthüllungen schließlich zerbricht. Doch der Film unterhöhlt die Katharsis und kehrt zur ersten Einstellung zurück: Die Tochter des Malers verziert Torten mit Zuckerguß, die Wahrheit verschwindet unter einem klebrig-süßen Überzug und war bloß ein Traum.

Der zweite Film, Sergej Bodrows "Die Freiheit ist ein Paradies", fünf Jahre nach der "Reue" entstanden, mißtraut von vornherein allen wortreichen Beschuldigungen und Bekenntnissen. Hier gibt es fast keine Dialoge, nur lange, ruhige Blicke in die Gesichter der Opfer und auf die kleinen Gesten der Mißachtung und Gleichgültigkeit gegenüber den Ausgestoßenen. Das bloße Vorzeigen der trostlosen Lager und Heime, in denen immer noch jede Art von vermeintlichen Normabweichlern vor der Gesellschaft weggeschlossen wird, ist Anklage genug. Seine Wirkung verdankt der Film seinem Hauptdarsteller Wolodja Kosyrew, den der Regisseur in einem der Lager fand, von denen sein Film handelt. Wolodja spielt den dreizehnjährigen Sascha, Insasse, Häftling eines Heims für schwererziehbare Jugendliche. Immer wieder flieht er, um seinen Vater im 7000 Kilometer entfernten Straflager Archangelsk zu sehen. Nach drei vergeblichen Versuchen kann er den Vater für eine Nacht sehen, ihn umarmen. Doch der Lagerkommandant, der diese winzige, einzige Zärtlichkeit des Films zuläßt, liefert den Jungen im gleichen Moment der Polizei aus. Dieser letzte Verrat reißt Sascha aus seinem stoischen Gleichmut: Jetzt, erst jetzt, zeigt er die Gefühle des Kindes, das er ist. Vor den Augen des Kommandanten bricht er zusammen, trommelt mit den Fäusten auf die Erde – das letzte Bild, ein Urteil.