Hape Kerkeling versuchte es zu verheimlichen, Rosa von Praunheim schrieb es auf seine Fahnen, und Bill Clinton sieht die Armee dadurch nicht gefährdet – das Schwulsein. Als der amerikanische Wissenschaftler Simon Le-Vay vor zwei Jahren herausfand, daß eine bestimmte Gehirnregion bei den Homosexuellen nur etwa halb so groß wie bei den Heterosexuellen ist, bekam eine alte Diskussion neuen Schwung: Ist Schwulsein angeboren oder anerzogen?

Robert Gorsky von der University of California hatte Größenunterschiede zwischen Gehirnregionen von Männern und Frauen gefunden und mit diesen Ergebnissen LeVay zu seinen Studien angeregt. Auf dem Symposium der deutschen Gesellschaft für Endokrinologie, das vergangene Woche in Berlin stattfand, äußerte sich Gorsky moderat: Von einem Schwul-Zentrum im Gehirn könne keine Rede sein. Denn bislang wisse man gar nicht, was sich in der fraglichen, INAH 3 genannten Gehirnregion überhaupt abspiele.

In seinem Vortrag über die "sexuelle Differenzierung von Gehirnstrukturen" verwies Gorsky auf die unterschiedlichen Ergebnisse verschiedener Forschergruppen – wo die eine Gruppe einen Unterschied in der Größe von Gehirnregionen (in Kernen des Hypothalamus) zwischen Mann und Frau feststellte, fand die andere keinen.

Auch seien die Unterschiede bei Ratten deutlicher als bei Menschen: Die männliche Ratte besitzt Kerne vom siebenfachen Ausmaß der Kerne im Hirn der Weibchen, der Menschen-Mann nur doppelt so große wie die Frauen. Bei Ratten, so Gorsky, sei es ihm und seinen Mitarbeitern gelungen, allein durch die Gabe von Hormonen das Geschlecht umzupolen: Nicht nur im Aussehen der Gehirnregionen, auch im sexuellen Verhalten seien aus Männchen scheinbare Weibchen und aus Weibchen Männchen geworden.

Dennoch formuliert Gorsky seine Überlegungen vorsichtig. So zitiert er neben der von ihm favorisierten These, daß das Gehirn in seiner ursprünglichen Form weiblich sei, auch andere Theorien, die von einer geschlechtlichen Neutralität des Gehirns ausgehen. Gorsky selbst glaubt, daß Sexualhormone das ursprünglich weibliche Gehirn bei einem Mann vermännlichen. Bei Homosexuellen sei dieser Prozeß nicht vollständig abgelaufen: "Schwule sind schwul, weil ihr Gehirn nicht völlig männlich geworden ist", sagte Gorsky der ZEIT in einem Interview.

Das XY-Chromosom als Auslöser der Hodenentwicklung, die Hoden als Produzenten des männlichen Geschlechtshormons Testosteron, das Hormon als formende Kraft in den Kernen des Hypothalamus und die Kerne als Ursache schwulen Verhaltens – diese Kausalkette will Gorsky aus zwei Gründen so nicht gelten lassen: Zum einen ist Testosteron nicht das männliche Sexualhormon schlechthin, genausowenig wie Östrogen das rein weibliche Hormon ist. Eine der größten Quellen für Östrogen sei beispielsweise der Pferdehoden, sagt Gorsky. Beide Geschlechter hätten vielmehr auch beide Hormone, nur jeweils in unterschiedlichen Mengen. Zum anderen werde die sexuelle Orientierung nicht von einer Kausalkette, sondern eher von einem Kausalnetz bestimmt. Die Umwelt, die Hormone und das Gehirn sind Faktoren, die sich gegenseitig beeinflussen und bedingen.

Wenn die Wirkung der Hormone auf das Gehirn noch besser erforscht sein wird, könnten da nicht Eltern auf die Idee kommen, mit Hormonkuren die femininen Elemente im Wesen ihres Sohnes auszumerzen, um den "Mann" im Jüngling zu wecken? Die Prägung vollziehe sich sehr früh in der Entwicklung, meint Gorsky – mit zehn Jahren beispielsweise wäre es schon zu spät. Theoretisch sei eine Manipulation jedoch möglich. Auch vorurteilslose Eltern könnten so in die Versuchung geraten, die sexuelle Neigung ihres Kindes steuern zu wollen. Zur Therapie von Wachstums- oder Stoffwechselstörungen werden Hormone bereits eingesetzt. Aber Schwule sind nicht krank. Hape Kerkelings Coming-out zeigt die Alternative zur Therapie: die Offensive.

Christian Weymayr