Von Knut Nevermann

Das Jahr 1968 – was haben wir erlebt, was hat uns geprägt? Was war, was ist geblieben? Die Antwort auf diese Fragen muß mehrdeutig bleiben. Denn die Welt ist nicht nur so, wie sie ist – sondern auch so, wie sie jeweils gesehen wird. Wer historische oder aktuelle Vorgänge verstehen will, muß sich also an die Ereignisse ebenso halten wie an die Überzeugungen der Zeitgenossen. Gelegentlich formen sogar die Deutungsmuster – unabhängig von ihrem Realitätsbezug – das Bewußtsein einer ganzen Generation. 1968 – dieses Jahr hat wie kaum eines zuvor einer Generation ein bestimmendes Bewußtsein vermittelt.

Aber worum ging es den 68ern damals? Und was prägt sie noch heute? Was ist geworden aus dem Gefühl des Umbruchs, dem Vertrauen aufs Argument, dem Glauben an die Demokratisierung und der antiautoritären Haltung?

Der große Umbruch; Die Nachkriegszeit mit ihrem Stolz auf den Wiederaufbau und den Wohlstand, mit ihrer prüden Alltagskultur, ihren Verdrängungen und ihren autoritären Strukturen ging zu Ende – und mit ihr die Integrationskraft von Gesellschaft und Staat. Die politische Klasse rückte in der Großen Koalition zusammen und schnürte Stabilisierungspakete: Wahlrechtsreform, Notstandsgesetze, Parteiengesetz, Stabilitätsgesetz.

Aber woher sollten – beyond capitalism, jenseits des Kapitalismus – die neuen Ideen kommen? Angesichts einer SPD, welche die gesellschaftskritische Linke (seit der Trennung vom SDS) ausgrenzte und sich als Regierungspartei definierte? Da blieben nur die Zirkel und Seminare außerhalb der Parteien, Verbände und Parlamente. Entsprechend spontan und chaotisch wurde alles aufgegriffen, was es an kritischen, utopischen, sozialistischen Traditionen zu entdecken gab.

Seit 1933 waren diese Traditionen totgeschwiegen worden. Jeder Griff in den Fundus der Ideen brachte für uns Neues: vom Studenten, der forschend lernen soll, von der kritischen Universität über die Rätedemokratie bis zur Weltrevolution, die von der Dritten Welt in die Metropolen der Industriegesellschaften überspringen werde. Standen denn die Vereinigten Staaten in Vietnam nicht vor einer Niederlage? Gab es nicht ähnliche Revolten wie bei uns in Berkeley, Tokio, Paris? Gab es nicht Dubčeks Sozialismus mit menschlichem Antlitz?

Großes denken! Think big! Die Parole, die heute Manager munter machen soll, wurde wie selbstverständlich praktiziert. In diesem Sinne – beyond capitalism – formulierte Rudi Dutschke 1967: „Die materiellen Voraussetzungen für die Machbarkeit unserer Geschichte sind gegeben. Die Entwicklungen der Produktivkräfte haben einen Prozeßpunkt erreicht, wo die Abschaffung von Hunger, Krieg und Herrschaft materiell möglich geworden ist.“ An Jürgen Habermas richtete er den Satz: „Ihr begriffloser Objektivismus erschlägt das zu emanzipierende Subjekt.“ Habermas hatte sich nämlich erlaubt, darauf hinzuweisen, daß die Durststrecke zwischen Theorie und Praxis heute ungewöhnlich komplex und lang sei.