Noch immer handelt wider den Geist der Stadt, wer sich in München der zeitgenössischen Kunst annimmt. Im Schatten eines neogothischen Rathauses und einer pseudoklassizistischen Staatskanzlei bleiben die meisten Experimente folgenlos. Das gilt besonders für die Kunst. Mehr denn je huldigt man an der Isar dem Bewährten – umständehalber und aus Überzeugung.

Dennoch verfügt die bayerische Landeshauptstadt seit dieser Woche über ein kleines Museum, das alle nur denkbaren Anforderungen an einen Ort des Zeitgenössischen auf wunderbar sensible Weise erfüllt. Wie so viele Münchner Unternehmungen zur Pflege des Avantgardistischen verdankt sich auch dieses Haus einer privaten Initiative. Im Auftrag der Sammlerin Ingvild Goetz haben die Schweizer Architekten Jacques Herzog und Pierre de Meron einen Bau errichtet, der durch einen Grad an Zeitlosigkeit und eine Unabhängigkeit vom Publikumsgeschmack charakterisiert ist, die jede Begegnung mit den dort ausgestellten Werken zu einer Herausforderung an das eigene Urteilsvermögen des Besuchers werden lassen.

Die Sammlerin wünschte sich Räume, die ihren Bildern Ruhe geben sollten, und die Architekten folgten diesem Wunsch. Wer in die kargen, wohlproportionierten Innenräume des aus Birkenholz, Glas und Aluminium konstruierten, quaderförmigen Gebäudes eintritt, ist von Stille umgeben. Gedämpftes Tageslicht fällt durch helle, sandgestrahlte Scheiben. Eine ungestrichene Putzoberfläche bildet die fast archaisch anmutende Folie für die sparsam gehängten Arbeiten. Die Architektur nimmt sich soweit wie möglich zurück, Technisches verschwindet in Decken und Wänden. Weder die Überwachungskameras noch Klima- oder Beleuchtungsanlage greifen spürbar in die Raumzusammenhänge ein. Auch auf Fluchtweghinweise, Bildlegenden und ähnliche Konzessionen an die Spielregeln des öffentlichen Ausstellungsbetriebs wurde zugunsten einer ungestörten Beziehung zwischen Kunstwerk und Betrachter verzichtet. In einem großen, baumbestandenen Garten am Rande Münchens gelegen, lebt das Gebäude von den Veränderungen des Lichtes und der Vegetation im Verlauf der Jahreszeiten. Hinweise auf die Wandlungsfähigkeit des Dauerhaften, die sich in der seit Anfang der siebziger Jahre zusammengetragenen Sammlung widerspiegeln.

Mit einem eindrucksvollen Arte-povera-Ensemble (Merz, Kounellis, Pistoletto, Paolini, Anselmo) und repräsentativen Werken von Opalka, Serra, Nauman, Agnes Martin, Heizer und Charlton gibt die Eröffnungsausstellung einen Einblick in wichtige Positionen der siebziger Jahre. Arbeiten von Helmut Federle und Imi Knoebel machen zudem deutlich, daß das Augenmerk der Sammlerin auch im darauffolgenden Jahrzehnt nicht auf kurzlebige Artikulationen des Zeitgeistes gerichtet war. Ingvild Goetz bevorzugt meditative Ansätze, die sich eher an die Emotion als an den Intellekt wenden. Dennoch haben in ihrer Sammlung, die im Verlauf der nächsten zwei Jahre in halbjährlichem Wechsel komplett gezeigt werden soll, durchaus gegensätzliche Haltungen Eingang gefunden.

Langfristig möchte Ingvild Goetz, die zwischen 1972 und 1983 in München die Galerie „art in progress“ betrieb, in jeweils einem ihrer Räume einem jungen Künstler die Chance geben, sich ganz nach eigener Vorstellung zu präsentieren. Aus der Tatsache, daß ihr Verhältnis zur Kunst ein zutiefst persönliches und frei von dem Bemühen um Objektivität und Vollständigkeit ist, erklärt sich wohl die Homogenität dieser facettenreichen Sammlung. Für München ein stilles zeitgenössisches Wunder. (Oberföhringer Str. 103, zu besichtigen wochentags nach telephonischer Vereinbarung, 089-957 81 23)

Katharina Hegewisch