Neulich hatte ich einen seltsamen Traum. Ich war in einer großen grauen Stadt, vielleicht Berlin, ging in ein graues Mietshaus, die Treppe hoch, fand mich aber in keiner Wohnung, sondern in einem irgendwie politischen Lokal: große ineinandergehende Räume, ungemütliches Neonlicht. An den Wänden zusammengerollte Spruchbänder, rot; einige traumhaft hypertrophe Megaphone;. Bier und belegte Brötchen wie für eine Vereinsfeier.

Was da für Leute zusammenkamen, konnte ich auch nicht genau ausmachen. Vorwiegend graue ältere Männer, graue Lederschlappen – kein Zweifel, draußen war es Westen gewesen, hier war es Osten. Noch unsicherer wurde ich, als sie dann zu sprechen anfingen. War ich in die Jahresversammlung eines Kleingärtnervereins geraten? Waren das alles Professoren, wie sie selber sagten, und wofür wohl? Oder handelte es sich um eine postume Sitzung des Politbüros?

Träume übertreiben. Sie sprachen allerlei. Von unserer schönen alten DDR. Davon, daß es nichts zu bedauern gebe, denn sie war doch der bessere deutsche Staat, ein Staat der Gerechtigkeit, während sie heute in einer Diktatur, einem Unrechtsstaat leben müßten. Davon, daß die Nazis ihre Feinde ehrlich eingesperrt hätten, während die heutigen Herrscher ihnen Schlimmeres antäten: Sie verlangten Reueerklärungen. Daß es aber nichts zu bereuen gebe, im Gegenteil, Stolz tue not. Es war ein solches Geschwirr, daß mir nur ein Halbsatz wörtlich im Gedächtnis blieb: „Wir kommen mit erhobenen Händen aus den Schützengräben des Kalten Kriegs...“ Der Klassenkampf sei aber heute in ein neues Stadium getreten, das des Kampfes um höhere Renten. War es das, was auf den eingerollten Transparenten an der Wand stand? „Wir kommen aus dem Schützengraben und wollen höhere Renten haben“? Traumunsinn...

Als ich am nächsten Morgen aufwachte und neben der Kaffeemaschine ein Flugblatt fand, das ich nachts aus der Traumszene mitgenommen hatte, wurde mir mit Schrecken bewußt: Das war ja gar kein Traum gewesen! Das war so real gewesen wie dieser Zettel!

Auf ihm stand im wesentlichen der Wortlaut eines Briefes, den der Kanzler der Universität Leipzig, Gutjahr-Löser, im Herbst 1992 einem wegen „Systemnähe“ geschaßten, nein, einem nach einigem Prozessieren ordentlich und „ohne Verschulden“ abberufenen Medizinprofessor, Schwartze, zu schreiben die Dreistigkeit gehabt hatte. Zweck der Epistel: dem Kollegen ein allgemeines Menschenrecht zu entziehen, nämlich das Recht, die Universitätsbibliothek zu benutzen. Welche ölige Selbstgerechtigkeit troff aus jeder Zeile: „Leute wie Sie, die an der Aufrechterhaltung und Festigkeit dieses Spitzel- und Denunziantenstaates mitgewirkt haben, sollten wenigstens die menschliche Loyalität, die Ihnen der neue Staat trotz allem durch die Gewährung einer akzeptablen Altersversorgung entgegenbringt, mit Zurückhaltung honorieren... Die freiheitlichen Demokraten in diesem Land ... werden es nicht hinnehmen, daß die unter großen Opfern, mit Geduld, Klugheit und Mut mühsam errungene politische Freiheit von ihren Gegnern verächtlich gemacht wird ... bleibt mir nichts anderes übrig, als gegen Sie ein generelles Hausverbot zu verhängen ...“ Wäre ja auch noch schöner: daß da jemand, der in der DDR ein prominenter Mediziner war, die Freiheit verächtlich macht – durch Lesen.

Auch dieser Brief war nicht geträumt; leider auch der nicht. Dieter E. Zimmer

(Siehe auch Seite 34)