BERLIN. – Vor einem Monat tauchte er auf. Gesehen haben ihn wenige, aber Presseerklärungen machten ihn berühmt: der vermummte Streetfighter vor den bunten Mauerresten am Potsdamer Platz; mit seiner rechten Hand wog er drohend einen Pflasterstein, mit der linken zeigte er den Stinkefinger. Es war ein etwa fünfzehn Sekunden langer Auftritt eines Videophantoms. Er reichte, um im Berliner Abgeordnetenhaus eine aktuelle Stunde über Gewalt zu provozieren; um die Staatsanwaltschaft nach einem Anfangsverdacht ermitteln zu lassen und um schließlich einen Grundsatzstreit zwischen Bündnis 90 und Alternativer Liste über die Frage der Gewaltfreiheit auszulösen.

Dieser stadtpolitische Auslöserreiz gehörte zu einem „No-Olympic“-Video, das auch nur zehn Minuten Spielzeit hatte und am 27. Januar, dem Tag der Übergabe der Berliner Bewerbungsdokumentation, von der AL in Lausanne beim IOC-Hauptquartier abgegeben wurde. Politisch und ästhetisch betrachtet, war dieser Videofilm eine Kreuzberger Blähung. Nur die halbe Stadt krümmte sich.

Ein Gemeinwesen, das derart unkontrolliert auf Signale reagiert, kann mit Recht hysterisch genannt werden. Läßt man die psycho-, sozio- und historiogenetische Analyse einmal weg, so ließe sich die Hysterie als den Versuch beschreiben, die Drohung einer noch unbegriffenen großen Gefahr durch Aktionismus gegen altbekannte Gefahren zu bewältigen. Die Berliner Reaktion auf jenes allerhöchstens peinliche Video war ein Akt staatspolitischer Nostalgie. Das Videoband entsprach ihm: Es zeigte, neben ein paar Reminiszenzen zur Olympiade 1936, mit großer Begeisterung die herrlichen Polizeieinsätze anläßlich der IWF-Tagung. Es war eine Gewalt aus jener Zeit, als die Welt noch in Ordnung war, unvergleichlich der Gewalt, die von der deutschen Einigung oder vom Völkermord in Europa in unseren heutigen Alltag geworfen wurde. Klammheimliche Sehnsucht nach den folkloristischen Auftritten der Autonomen also? Sie allein würde jene Hysteriebereitschaft nicht erklären.

Es liegt vielmehr an der Zukunft. „Hoffnung Mörder der Frauen“ hieß das expressionistische Drama von Oskar Kokoschka. Hoffnung Mörder der Stadt. Der Berliner Senat hat das Prinzip Hoffnung zur Regierungsmaxime erhoben. Und die Probleme der geteilten Stadt werden nur übellaunig verwaltet. Berlins Zukunft liegt nur noch in der Zukunft, die wiederum von Entscheidungen in Bonn oder Lausanne abhängt. Und diese Zukunft dümpelt zwischen den Jahren 1995 und 2010.

Die Berliner Politik hat sich selbst in einen Exzeß von Zukunftserwartung hineingetrieben, der nur noch politische Astrologie übrigläßt. Alles kann ein Zeichen sein, alles wird sofort gedeutet. Eine eher vage Bemerkung des Kanzlers, wonach er sich vorstellen könne, schon im Jahre 1995 in Berlin zu regieren, gilt als politisches Programm. Und die Berliner Öffentlichkeit übersieht vor lauter Jubel, daß Berlin damit als einziges Land in Ostdeutschland dem Kanzlerwort noch buchstäblich vertraut. Es vertraut so sehr, daß Kanzleramtschef Bohl jetzt offiziell erläutern mußte, so sei es nicht gemeint. Allerdings könne zu diesem Zeitpunkt schon einmal das Kabinett in der Stadt tagen. Es genügt, daß einige Bundestagsabgeordnete aus Wut über die nicht funktionierende Lautsprecheranlage murmeln, dann könne man ja gleich umziehen. Prompt wird das allerneueste Angebot unterbreitet: Umzug in den Preußischen Landtag, der ja schließlich demnächst bezugsfähig sei. Die Abgeordnetenbüros könnten in der Treuhand-Verwaltung untergebracht werden, in die allerdings das Finanzministerium soll. Natürlich wird mit einem derartigen Angebot der eben abgeschlossene Wettbewerb um den Reichstag verhöhnt.

Berlin bewirbt sich um alles, um die Olympischen Spiele, um die Hauptstadt – um die es sich nicht bewerben muß noch sollte –, Berlin bewirbt sich um bessere Zeiten schlechthin. Die vereinte Stadt mußte nach 1990 mit Erschrecken zur Kenntnis nehmen, daß sie viel weiter im Osten liegt, als man es in Westberlin je geahnt hat. Jetzt entwickelt sich ein politisches Klima, das die Berliner der Bevölkerung von Eisenhüttenstadt nahebringt, deren Zukunft zwischen der Rede von der Erhaltung industrieller Kerne und europäischen Stahlquoten vergeht. Mit anderen Worten: Die Politik der Berliner Berufsutopisten ist auf dem besten Weg, alle Beziehungen zur Stadtbevölkerung zu verspielen. Derartige hysterische Bewerbungsofferten ruinieren die Reste von Stadtstolz.

Pragmatischer Pessimismus läge den Berlinern ohnehin näher. Und wenn es denn sein sollte, daß die Zukunft der Stadt ganz und gar vom Hauptstadtumzug abhängt, dann müßte die Berliner Politik klare Bedingungen und Fristen formulieren, auch mit der Gefahr des Scheiterns. Ansonsten hätte der Videostörenfried mit Pflasterstein und Stinkefinger beste Chancen, zum Volkscharakter zu werden.