Am vergangenen Wochenende haben sich die afghanischen Mudschaheddinführer in der pakistanischen Hauptstadt Islamabad die Hände zur Versöhnung gereicht. Staatspräsident Burhanuddin Rabbani bleibt im Amt, sein Kontrahent Gulbuddin Hekmatyar wird Regierungschef. In achtzehn Monaten sollen Wahlen stattfinden. Doch die Chance, daß künftig die Waffen am Hindukusch schweigen, ist gering. Eintracht war noch nie eine afghanische Tugend.

Kaum hatten die Mudschaheddin den kommunistischen Feind in die Knie gezwungen, richteten sie ihre Kalaschnikows gegeneinander. Kabul ist nur noch ein Haufen Schutt und Asche. Die befürchtete Libanisierung am Hindukusch ist längst Wirklichkeit, die Balkanisierung steht vor der Tür. Der Vielvölkerstaat Afghanistan ist auf dem Weg, in eine Reihe ethnisch gefärbter Fürstentümer zu zerfallen. Die völkischen und religiösen Minderheiten, bis an die Zähne mit modernen Waffen gerüstet und seit dem „Heiligen Krieg“ ihrer Wehrhaftigkeit bewußt, sind nicht mehr gewillt, sich einer Zentralmacht zu beugen.

Die Gefahr einer afghanischen Teilung hat nun die regionalen Mächte auf den Plan gerufen. Die Schirmherren der afghanischen „Versöhnung“ – Pakistan, Iran und Saudi-Arabien – haben jahrelang das Leid und die Leidenschaften der Afghanen für ihre machtpolitischen Zwecke ausgenutzt und mit Waffen, Geld und Ideologien geschürt. Seit dem Sieg des Islam über den Kommunismus betrachten sie jedoch die Eintracht des islamischen Afghanistan als außenpolitisches Gebot ersten Ranges. Sie üben Druck aus auf ihre jeweilige Klientel, das Gemetzel zu beenden.

Doch die Friedensinitiative kommt zu spät. Das Land gleicht inzwischen einem riesigen Zeughaus. Hunderttausende von jungen Afghanen haben nichts anderes gelernt, als mit Kalaschnikows herumzuschießen. „Was bringt mir der Frieden?“ fragen die Halbwüchsigen. „Wir müssen“, schrieb der afghanische Soziologe Said Madschruh, bevor er von Fundamentalisten ermordet wurde, „durch tausend Höllen gehen, bevor wir das verheißende Ufer des Friedens erreichen.“ A. T.