Von Barbara Spengler-Axiopoulos

Noch eine Grenze, noch eine Ewigkeit, warte auf mich, Saloniki! Schwermütig klingt das Lied des israelischen Rocksängers Yehuda Poliker. Immer wieder besingt der Künstler in düsteren Worten den Schmerz seines Vaters Jacko, eines Juden aus Saloniki, der als Überlebender des Holocaust nach dem Krieg in Griechenland nicht mehr heimisch wurde und nach Israel emigrierte.

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Saloniki an einem naßkalten Wintermorgen 1993. Die Platia Eleftherias (der Name „Platz der Freiheit“ ist ein Relikt aus den Tagen der Jungtürkenrevolution, die von hier 1908 ihren Ausgang nahm) ist heute ein großer Parkplatz, auf dem Autofahrer, die mit ihren Nerven völlig am Ende sind, hoffen, ihr Auto doch noch irgendwo abstellen zu können. Die Atmosphäre ist angefüllt mit Hektik, Flüchen und Abgasen. Passanten hasten aneinander vorbei. Falls es eine Hinweistafel gäbe, würde sie überhaupt jemand zur Kenntnis nehmen? Nichts erinnert hier an jenen heißen Julitag im Jahr 1942, als 9000 Juden zwischen 18 und 45 Jahren von den deutschen Besatzungsbehörden zur Zwangsarbeit eingezogen wurden. Den ganzen Tag über standen sie in der glühenden Sonne, ohne Kopfbedeckung oder Sonnenbrille, auch eine Zigarettenpause war ihnen nicht vergönnt.

Man forderte sie zu Gymnastikübungen und demütigenden Ritualen auf, und wer den Aufforderungen der Peiniger nicht nachkam, den trafen auf dem Platz der Freiheit Schläge oder die Peitsche – böse Ironie der Geschichte. An jenem Sommertag war das Schicksal der jüdischen Gemeinde Salonikis, der vielleicht bedeutendsten Sephardenkommunität überhaupt, besiegelt. Bis zu ihrer vollständigen Vernichtung sollten nur noch wenige Monate vergehen.

Die nordgriechische Stadt Thessaloniki (so der offizielle Name) kann auf eine ununterbrochene Besiedlungsgeschichte von 2300 Jahren zurückblicken: auf die Antike, auf Byzanz, das Osmanische Reich und schließlich ihre Inkorporation in den griechischen Nationalstaat 1912.

Es ist jedoch, als ob sich die Stadt trotzig ihrer glanzvollen Vergangenheit verweigere; ihre spätrömischen Bauwerke, ihre byzantinischen Kirchen oder türkischen Moscheen erschließen sich dem Besucher nicht auf den ersten Blick. Eine am Gewinnstreben der Nachkriegszeit orientierte Städtebaupolitik verwandelte Saloniki in eine trostlose Betonwüste.