WALLENFELS. – Es klingt wie ein Schildbürgerstreich und ist doch reale Politik. Da gibt es im Frankenwald mit dem Lamitz-Tal noch ein Fleckchen weitgehend unberührte, ökologisch intakte Natur, von Einheimischen und Urlaubern wegen des märchenhaft schönen Waldes gleichermaßen geschätzt – und mitten in diese Bilderbuchidylle soll nun ein Staudamm geklotzt werden, 130 Meter lang, 15 Meter hoch. Er soll Wasser auf einer Fläche von über zehn Hektar stauen.

Befürworter des Betonmonstrums quer durch den Wald ist Wallenfels im Kreis Kronach, das sich davon eine Ankurbelung des Fremdenverkehrs verspricht. Das "Gaudi-Flößen" würde dann nämlich für die Touristen vom Wetter unabhängig sein. Das Flößen ist eine folkloristische Abart einer alten Frankenwald-Tradition: Gefällte Baumstämme wurden aus den Kammlagen des Gebirges auf dem Wasser ins Tal gebracht. Daraus ist inzwischen ein feucht-fröhliches Spektakel für alle Zugereisten geworden, die in Gruppen von zehn bis fünfzehn Leuten auf ein Floß verladen und mit viel Hallo talwärts geschippert werden. Unten bekommen sie dann, so will es das Ritual, zum Trost für ihre durchnäßten Klamotten einen Schnaps. Rund 14 000 Gäste machen jedes Jahr bei diesem Treiben mit.

Weil aber die Wilde Rodach, wo der rustikale Zauber gemeinhin stattfindet, eher ein Flüßchen als ein Fluß ist und zumal im Spätsommer kaum noch ausreichend Wasser mit sich führt, so daß die zusammengebundenen Baumstämme schon mal durchs fast ausgetrocknete Flußbett schrammen – deshalb also sind die Wallenfelser nun fest entschlossen, der trägen Natur mit künstlich aufgestautem Wasser auf die Sprünge zu helfen.

Zudem kann die stark verschuldete Kommune offenbar auch nicht der Verlockung widerstehen, sich für ihr Staudammprojekt aus einem Topf der EG zu bedienen. Denn nur zwei Millionen der insgesamt auf zehn Millionen Mark geschätzten Talsperre hätten die Wallenfelser selbst aufzubringen; den Rest würden sich zu jeweils vier Millionen Mark Bayern und die Europäische Gemeinschaft teilen. Und so ist in Wallenfels immer wieder zu hören, man müßte ja schön dumm sein, wolle man auf das Geld aus Brüssel verzichten. Bürgermeister Manfred Nürnberger, für den der Staudamm längst zu einem persönlichen Prestigeobjekt geworden ist, hält sich jedenfalls viel darauf zugute, die EG-Quelle ausfindig gemacht zu haben.

"Scheinbar waren wir die einzigen, die mit dieser Information etwas anfangen konnten. Anders kann ich mir die derzeitige Aufregung unter meinen Kollegen nicht erklären."

Genau an dieser Stelle hakt der Bund Naturschutz ein. Er hat erhebliche Zweifel, ob da nicht Gelder, die ursprünglich zur Stärkung von "Landwirtschaft und Naturschutz" gedacht waren, zweckentfremdet werden. In der Erläuterung ihres Hilfsprogramms spricht die EG denn auch eher von so beschaulichen Aktionen wie Urlaub auf dem Bauernhof oder dem Ausbau einer Klöppelschule. Irgendwann haben die Brüsseler freilich auch ihre Unterstützung für "die traditionelle Flößerei auf der Wilden Rodach durch die Errichtung eines Wasserrückhaltebeckens" in Aussicht gestellt. Für Uwe Längenfelder, den Vorsitzenden des Bundes Naturschutz, eine Entscheidung, die zumindest dem Geist des EG-Programms zuwiderläuft. Denn von einem "sanften Tourismus" kann seiner Meinung nach keine Rede sein, vielmehr werde hier einem veralteten, obsolet gewordenen Fremdenverkehrskonzept gehuldigt, "das den Touristen noch immer jeden vermeintlichen Wunsch von den Augen ablesen will".

Dabei verkennt auch Uwe Längenfelder nicht die Bedeutung, die das Flößen für die industriell unterentwickelte Frankenwaldregion hat: Zu einem kleinen (die Betonung liegt auf "klein") künstlichen Floßteich, um das Niedrigwasser der Wilden Rodach in den Sommermonaten auszugleichen, könnten sich die Naturschützer noch verstehen.