Die Form ist das Weibliche, der Gedanke das Männliche; wie die Sprache der Allgemeinheit und Notwendigkeit sich vorzugsweise an den Mann richtet, so entspricht die schön erzählte, gedichtete, geistreiche Einzelheit der Frau. Unter diesem Gesichtspunkte wird das Feuilleton sogar von revolutionärer Wichtigkeit: das Feuilleton kann die Zeitung des weiblichen Geschlechts werden.

Aus einer Ankündigung der Zeitschrift „Amphitheater“, die als Feuilleton-Beilage der „Trier’schen Zeitung“ 1848 bis 1850 von Karl Grün herausgegeben wurde.

Karl Grün

Nun freuen wir uns stets erheblich mit, wenn eine Stadt eines ihrer vergessenen und verlorenen Kinder nach Jahren oder Jahrhunderten wiederentdeckt – meist sind das dann wackere Aquarellisten oder auch mal ein flötenkonzertgeschriebenhabender Kompositeur. Deshalb sind wir um so erstaunter (und gerührter), daß die Stadt Lüdenscheid im Bergischen einen ihrer Söhne ausstellungsmäßig wieder an den Busen drückt, der seinerzeit staatlich verfolgt wurde und sich als Asylant für ein Jahrzehnt durch Europa retten mußte: den Journalisten, Revolutionär und Kulturhistoriker Karl Grün, der 1817 in L. geboren ward. Schon während seines Studiums in Bonn 1835 bis 1837 traf er mit dem Kommilitonen Karl Marx zusammen, folgte diesem nach Berlin und schloß sich der radikaldemokratischen Bewegung an. Als Volksredner machte er Furore, forderte angesichts des beginnenden industriellen Elends nicht nur Preß-, sondern auch „Eßfreiheit“, nicht nur die bürgerliche, sondern auch die „Frauen-Emancipation“ – und mußte als „moralischer und intellektueller Urheber“ der Revolution von 48 Deutschland schließlich fliehen. Ein Freund Heines und Proudhons, kämpfte er bald gegen Marx; in vielen Schriften und Artikeln plädierte er weiter für den demokratischen Weg – auch bei der Lösung der sozialen Frage. In den sechziger Jahren aus dem Brüsseler Exil nach Deutschland zurückgekehrt, enttäuschte ihn Bismarcks Politik zutiefst; 1868 ging er nach Wien, wo er sich, politisch mehr und mehr resignierend, ganz der Kulturgeschichte widmete und 1887 starb. Ein kämpferisches Leben, ein großartiger Mann, an dessen vergebliches Werk, wie bemerkt, jetzt (und noch bis zum 21. März) eine Ausstellung im Stadtmuseum Lüdenscheid, Sauerfelder Str. 14, erinnert. Mit Katalog!

Journalistenpoesie: Schwellungen

Allzu lange, gestehn wir’s nur, saßen wir auf der Berlinale zu Füßen von Danny DeVito, glotzten wir, statt im Kino die Erleuchtung zu suchen, mit Kinderaugen hinauf zum großen King Kong. Und hätte nicht nach unsrer Rückkehr ein aufgeschlossener Kollege unser Augenmerk auf ein essai gelenkt, wäre uns am Ende der Schlüssel zum Verständnis der Filmfestspiele, wäre uns die gleichsam und gewissermaßen palimpsestische Ur-Schrift des Kinos entgangen. Ulf Erdmann Ziegler heißt der Autor dieses surrealistischen Manifests, und erschienen ist es in der allen Spielarten moderner Lyrik offenstehenden tageszeitung. Ein Satz nur, und unsre Seele wird wund. „Im Raum- und Dingbezug liegt das Wagnis des Kinos.“ Noch ganz traumtrunken werfen wir den nächstbesten Bettbezug über und betreten an Zieglers Hand das Heiligtum im innersten Raum der Gegenwart. „Das Mißlingen ist“ nämlich, wie uns Ziegler versichert, „noch nicht einmal das Gegenteil des Gelingens [neinnein!], vielmehr ein Stolpern auf einer Schwelle, die, zugegeben, breit ist und sich unberechenbar wölbt oder spaltet“. Noch ist nicht mit letztgültiger Sicherheit zu entscheiden, ob Ziegler selber ziemlich breit war, als er das schrieb, oder schon vorher, als er die gedachte Schwelle, so sich da wölbte und spaltete zu seinen Füßen, einfach nicht überschreiten konnte. Doch studieren wir weiter dies feuertrunkne Manifest: Wirklich erheiternd sei es, „Filmschaffenden zuzusehen, wie sie sich auf der Schwelle vor dem Gelingen bewegen und glauben, sich im Inneren des Mediums zu befinden... Aber was das Mißlingen betrifft, ist man stur in Berlin“. Soll er flüchten oder standhalten oder einen hinterherzechen, bis sich auch noch der Schädel spaltet? „Ich glaube“, räsoniert Ziegler tiefnachts auf seiner geliebten Schwelle, „daß es der Dingbezug ist, der darüber entscheidet, ob ein Film über die Schwelle des Mißlingens in jenen Raum vordringt, in dem ein Gelingen überhaupt erst möglich wird“, bzw., daß es „das Imaginäre ist, das den Film über die Schwelle hievt, hinter der das Gelingen möglich wird“. Oder doch lieber ausnüchtern?