Gewissen

Die Stunde der Wahrheit – sie kommt zumeist unverhofft. Als neulich die Mitglieder der CDU/CSU in der gemeinsamen Verfassungskommission gezwungen wurden, gegen einen Kompromiß zu stimmen, gab es Proteste. Denn es ging um den Umweltschutz in der Verfassung. Eine deutsche Wählerin schrieb deshalb an die Unionsfraktion. Von dort – Referat Bürgerinformation – gab ihr Dr. Robert Henkel einen aufschlußreichen Bescheid. Die Mehrheit der Fraktion habe sich gegen eine Garantie des Umweltschutzes durch den Staat entschieden. „Da bestimmte Kommissionsmitglieder diesen gemeinsamen Beschluß aller Fraktionsmitglieder unterlaufen haben, war eine Disziplinarmaßnahme durch die Fraktionsführung ... notwendig.“ Fast ein Glück, daß wenigstens Artikel 38 des Grundgesetzes in der Verfassungskommission nicht zur Disposition steht. Denn dort heißt es von den Abgeordneten immer noch: „Sie sind Vertreter des ganzen Volkes, an Aufträge und Weisungen nicht gebunden, nur ihrem Gewissen unterworfen.“

Mauer

Die Maßnahmen der DDR vom 13. August 1961 retteten den Frieden. Die Gegenprobe macht das leidgeprüfte deutsche Abendland seit dem 9. November 1989 täglich. Brennpunkt Westberlin-Frohnau: Kaum war die Mauer gefallen, da verließ der ostdeutsche Mensch seinen angestammten Lebensraum Hohen Neuendorf und trampelte querbeet nach Frohnau, zum Stadtbus. Ostmüll ward im Westen deponiert, Ostmopeds mordeten westliche Stille. Selbst die jüngste Ossi-Brut in ihrer Tücke pirschte hinüber zum Spielplatz. Die Vorkehrungen der Stiftung Invalidenhaus Berlin retteten den Frieden. Sie baute einen Maschendrahtzaun auf den ehemaligen Todesstreifen. Er ist einen Meter fünfzig hoch. Es wird ihn auch in fünfzig und hundert Jahren noch geben – solange die Gründe bestehen, die zu seiner Errichtung geführt haben.

Trauer

Einer, der fast siebzehn Jahre lang im eigenen Land Angst verbreitete, trauert jetzt dem weltweiten Gleichgewicht des Schreckens nach. „Die Welt war besser, als noch die Sowjetunion existierte“, erklärte bei einem Besuch in Uruguay ausgerechnet Augusto Pinochet, der nach seinem Militärputsch in Chile kommunistische Landsleute mit brutaler Gewalt hatte verfolgen lassen. Heute erkennt er zwar, daß – global – „ein Gleichgewicht immer besser ist, als wenn nur einer befiehlt“. Doch diese Einsicht läßt den General keineswegs an seinem eigenen, harten Regime zweifeln. Ob er denn nicht auch Fehler gemacht habe, wollte ein Journalist von Pinochet wissen. „Mal sehen, vielleicht habe ich die Landwirtschaft nicht genügend gefördert, mich nicht energisch um die Kohle gekümmert...“ Noch was? Nein, die Worte Internierungslager, Folter oder politischer Mord kamen dem Exdiktator nicht über die Lippen. Merke: Eine Demokratie ist immer besser, als wenn nur einer befiehlt.