Von Joachim Nawrocki

Berlin

Der Panzer M 26, Baujahr 1945, ein Weltkriegsteilnehmer, der solange am Dahlemer Hüttenweg stand und Weihnachten schon mal mit einem aufblasbarem Santa Claus geschmückt war, ist nicht mehr da. Aber rundum im amerikanischen Wohngebiet gibt es noch Leben: Kinder auf gepflegten Spielplätzen und in der Primary School, farbige Soldaten in der Sonne vor den Wohnhäusern, Baseball im Sports Center, Shopping im PX an der eingezäunten Truman Plaza. Im Outpost-Kino spielt abends "Malcolm X", in der amerikanischen Kapelle gibt es Gottesdienste: freitags Jewish Worship, samstags Roman Catholic Mass, sonntags Protestant Worship.

Doch etliche Wohnungen stehen schon leer. In wenig mehr als einem Jahr wird hier erst einmal Stille sein. Das gilt auch für die Spandauer Wilhelmstadt, wo die britischen Soldaten mit ihren Familien wohnen, und für das französische Quartier Napoleon in Tegel. Nach dem "Vertrag über die abschließende Regelung in Bezug auf Deutschland" zwischen den damals noch beiden deutschen Staaten und den vier Siegermächten – dem sogenannten Zwei-plus-Vier-Vertrag – werden die westlichen Streitkräfte aus Berlin abziehen, wenn die Truppen der GUS-Staaten Deutschland verlassen haben. Das soll spätestens Ende 1994 der Fall sein. "E-Day" nennen das die Amerikaner, aber wann der letzte Soldat die Stadt verlassen wird, das weiß so genau noch niemand.

Der Abzug der Truppen, hat jedoch längst begonnen. Nicht nur die militärische Präsenz wurde eingeschränkt, sondern auch die diplomatische Aktivität. Gegenüber der Truman Plaza, im repräsentativen Gebäude der früheren US-Mission, residiert jetzt die US-Army. Mit dem Ende der DDR und des Viermächtestatus für Berlin am 3. Oktober 1990 schrumpften die Ostberliner Botschaften zu Außenstellen der Botschaften in Bonn, und die Westberliner Militärregierungen und Missionen wurden zu Außenstellen der Außenstellen, bis sie ganz aufgelöst wurden.

"Man hat das Gefühl, man war für den richtigen Zweck hier", sagt Russell Anderson, der Pressesprecher der US-Army. "Unsere Mission ist erfüllt." Zehn Jahre war er in Deutschland, davon acht in Berlin, sein Sohn ist hier geboren, man hatte deutsche Freunde. Er hat Berlin als kleine Großstadt und große Kleinstadt empfunden, die jetzt die Probleme aller Metropolen bekommt: "Alles ist hier möglich; da ist so viel Leben." Anderson wäre gerne noch in Berlin geblieben, in einem anderen Job, Möglichkeiten gäbe es. Aber seine Frau will nach Hause.

Bis 1989 hatten die Westalliierten mehr als 12 000 Soldaten in Berlin, rund siebzig Panzer und sechs Artilleriekanonen. Die Sowjets standen mit etwa 90 000 Mann und einem riesigen Waffenarsenal rund um die Stadt. In Berlin selbst, im Viertel Karlshorst, hatten sie nur wenige militärische Objekte, ein Museum der bedingungslosen Kapitulation und KGB-Residenzen. Die Residenzen stehen leer; über die Zukunft des Museums wird noch gerätselt. Von den rund 6500 amerikanischen Soldaten mit 7500 Familienangehörigen sind inzwischen 4500 Mann und 3000 Angehörige abgezogen. An der Spitze der Truppen stehen noch Generäle, aber die drei Stadtkommandanten im Generalsrang haben die Stadt ebenso verlassen wie die drei westalliierten Gesandten als höchste Vertreter der zivilen Autoritäten. Den Berlinern, für die die westlichen Truppen und ihre Quartiere zum Stadtbild gehören, wird nach dem Abzug manches fehlen.