TÜBINGEN. – Nichts geht mehr. Mindestens 130 Schritte trennen die fröstelnden Füße von der Kunst. Wie lange man wohl wird stehen müssen? Eine Stunde? Länger? Der Anfang der Schlange ist nicht zu sehen.

Wieder einmal zieht eine Ausstellung im Tübinger Philosophenweg Tausende von Menschen an. Seit der Vernissage im Januar waren schon 180 000 Besucher da. Zufrieden könnte der rührige Kunsthallen-Leiter Götz Adriani sein, wenn insgesamt 250 000 kämen. Dann hätte sich der hohe Versicherungsaufwand finanziell gelohnt: Immerhin hat Adriani hundert Cézanne-Gemälde nach Tübingen geholt, jedes einzelne ist zwischen zehn und zwanzig Millionen Mark wert. Falls das Interesse unter den Kunstfreunden nicht nachläßt, falls sich weiter täglich rund 4000 geduldig in die Warteschlangen einreihen, dann könnte der große Cézanne im kleinen Tübingen sogar Rekorde brechen. Bis zum Ende der Ausstellung am 2. Mai rechnet Adriani „mit bis zu 400 000 Besuchern“. Das wären mehr, als in Deutschland je bei einer Gemäldeschau gezählt wurden.

Der Vordermann stapft von einem Fuß auf den anderen. Seine Begleiterin kommt von der Imbißbude zurück. „Ein Wiener Würstchen sechs Mark fünfzig!“ Empörung in der Schlange. Zum Glück habe sie keines mitgebracht. Nur dampfenden Kaffee.

Die ganze Stadt scheint von den Kunsttouristen zu profitieren. In fast allen Schaufenstern sind Cézanne-Plakate dekoriert, die Hotels sind ausgebucht, und in den Weinstuben wird sogar ein Cézanne-Tropfen kredenzt. Ein Tübinger Weinhändler gab eine Kopie des Bildes „Mont Sainte-Victoire“ in Auftrag und ließ damit 12 000 Flaschen Cötes de Provence etikettieren. Das Lokalblatt kommentiert, Kunsthallen-Chef Adriani hätte längst die Ehrenmitgliedschaft im Handels- und Gewerbeverein sowie im Verband der Hotels und Gaststätten verdient.

Gegenüber der Kunsthalle schließt eine Frau geräuschvoll ihr Fenster. Also freut sich doch nicht ganz Tübingen über die geldbringenden Kunstpilger. Gleich zu Beginn der Ausstellung hat die Blechwelle, die mit Cézanne über das Wohngebiet „Wanne“ zu schwappen begann, für Ärger gesorgt. Der kleine Parkplatz vor der Halle reicht gerade mal für dreißig Wagen. Kein Wunder also, daß der Philosophenweg und angrenzende Straßen stets zugeparkt sind. Nummernschilder aus ganz Deutschland, viele auch aus der Schweiz und aus Frankreich konkurrieren mit selbstgemalten Pappkartons: „Privatparkplatz! Widerrechtlich abgestellte Fahrzeuge werden kostenpflichtig abgeschleppt!“ Die Stadt reagierte auf den Anwohnerprotest. Nun werden die fremden Autos auf die Universitätsparkplätze gelotst, die Besucher mit Pendelbussen zu den Warteschlangen vor der Kasse gekarrt.

Nur noch ein kleiner Schritt. Die klammen Finger fischen zwölf Mark aus dem Portemonnaie, nehmen ein blaues Billett entgegen.

Nach einer Stunde und elf Minuten: Cézanne ist bereit, einen zu empfangen. Katja Marx