Der Verlag Kiepenheuer & Witsch wolle bis 1998 sechzehn Bände einer Gesamtausgabe der Werke von Remarque herausbringen, berichtete der Spiegel. Muß das sein? Wahr ist, daß einige hinterlassene Schriften wohl noch in einem Osnabrücker Archiv liegen und viele bei der Universität New York.

Die Briefe, die er mit der von ihm ein Leben lang verehrten Marlene Dietrich gewechselt hat und mit seiner (vordem Chaplins) Ehefrau Paulette Goddard, wären sicher interessant. Höchst erwünscht wäre auch eine umfassende, genau recherchierte und gerechte Biographie dieses Erich Paul Remark, der sich Erich Maria Remarque nannte. Dieses Dandys, der sich so stolz in der Gesellschaft teurer Autos und schöner Frauen zeigte. Dieses Vielschreibers der Trivialliteratur, der von den großen Themen der Zeit keins ausließ. Dieses Weltbürgers aus der deutschen Provinz. Dieses andererseits auch anständigen und charakterfesten Mannes, der sich schon 1932 in der Schweiz ansiedelte, der mit Nazideutschland, wo man ihn zu ködern versuchte, ehe man ihn 1938 ausbürgerte, nie etwas zu schaffen haben wollte, dessen großer Roman zehn Jahre nach dem Ersten Weltkrieg erschien und doch den zehn Jahre danach beginnenden Zweiten Weltkrieg nicht verhindern konnte.

Von dem Mann zu reden wäre der Mühe wert; von den Romanen weniger, ob sie nun „Der Funke Leben“ heißen oder „Liebe Deinen Nächsten“. Kollegen und Kritiker sind sich ziemlich einig: Ein großer Denker und ein großer Schreiber war Remarque nicht. Damit könnte man es gut sein lassen, wenn es da eben nicht diesen einen Roman gäbe, der seinen Ruhm begründete und das meistgelesene Buch eines deutschen Autors in aller Welt wurde: „Im Westen nichts Neues“. Der Titel ist auch Leuten noch bekannt, die von dem Autor nichts mehr wissen.

Als Remarque das Manuskript dem S. Fischer Verlag in Berlin eingereicht hatte, wurde es abgelehnt. Literarisch mögen die Fischer-Lektoren recht gehabt haben, aber die Fehlentscheidung kostete den Verlag Millionen. Der Konkurrent Ullstein nahm das Manuskript an. Auch da soll die Entscheidung knapp gewesen sein. Der Vertrag war mit Kautelen gespickt: Erstveröffentlichung in der Vossischen Zeitung, Abarbeiten etwaiger Honorarrückstände durch Redaktionsarbeit.

Solche Kautelen erwiesen sich als überflüssig. Die Auflage der Vossischen Zeitung stieg sprunghaft während der Veröffentlichung des Romans vom 10. November bis zum 9. Dezember 1928. Gebunden erreichte der Roman im folgenden Jahr eine Million Auflage allein in Deutschland und wurde in alle europäischen Sprachen übersetzt. Für die Filmrechte zahlten die amerikanischen Universal Pictures 100 000 Dollar. Remarque kaufte sich davon die Villa Porto Ronco am Lago Maggiore südlich von Ascona, wo er, abgesehen von einem längeren Amerika-Aufenthalt, den größeren Teil seines Lebens bis zu seinem Tode 1970 verbrachte. Was immer er noch geschrieben hat: Bekannt blieb er als Autor des Romans und Inspirator des Films „Im Westen nichts Neues“, die einen der größten literarisch-politischen Skandale kurz vor der Hitler-Zeit provoziert haben (sehr gut dokumentiert von Bärbel Schrader, „Der Fall Remarque“, im Reclam-Verlag Leipzig, 1992).

Zwei Leute wird der künftige Remarque-Biograph ausfindig zu machen haben. Wer war es bei Ullstein, der es gemerkt hatte und sich durchsetzen konnte mit der Ansicht: Dies ist nicht noch einer in der Flut der Kriegsromane wie Ernst Glaesers Jahrgang 1902“ oder Arnold Zweigs „Der Streit um den Sergeanten Grischa“ oder gar Ernst Jüngers „In Stahlgewittern“? Dieses war nicht eine argumentierende, sondern eine eindringlich beschreibende Darstellung des Krieges als Holocaust, als Vernichtung jeglichen Anspruchs auf menschliche Würde.