Von Boris B. Behrsing

Die Beamten im Auswärtigen Amt brauchen die Informationsmappe für Bundesaußenminister Klaus Kinkel nicht neu zusammenzustellen. Wenn der Minister als erster Bonner Außenminister seit 1957 den fünften Kontinent besucht, wird er in der Hauptstadt Canberra nach wie vor auf eine Labor-Regierung treffen: Allen Voraussagen zum Trotz hat der sozialdemokratische Premier Paul Keating die gerade abgehaltenen Parlamentswahlen gewonnen.

Zentrales Thema bei den Wahlen war die wirtschaftliche Neuausrichtung des Landes. Nicht zuletzt durch eine verfehlte Geldpolitik hatte die seit zehn Jahren regierende Labor-Partei das rohstoffreiche Land in eine schwere Rezession gestürzt. Über eine Million, mehr als elf Prozent, der erwerbsfähigen Australier sind ohne Job. Die Auslandsverschuldung explodierte von 23 auf 163 Milliarden Dollar, rund 180 Milliarden Mark.

Doch das Genesungsrezept der Opposition, eine Koalition aus Liberalen und der Nationalen Partei, schreckte die Australier offenbar mehr als der Frust über die Labor-Politik. Die von Oppositionsführer John Hewson geplante radikale Wirtschaftsreform mit der Einführung einer fünfzehnprozentigen Mehrwertsteuer und mehr Marktwirtschaft war den an den Wohlfahrtsstaat gewöhnten Australiern zu radikal. Das von Premier Keating angekündigte Ziel, eine „australische Nation“ zu formen, das bis zum Jahr 2001 auch den Abschied von der verfassungsmäßigen Monarchie – Königin Elisabeth II. ist offizielles Staatsoberhaupt – zugunsten einer republikanischen Staatsform vorsieht, kam besser an.

Damit wäre die Abnabelung vom einstigen Mutterland Großbritannien auch formell abgeschlossen. Allzulange fühlte sich Australien als Außenposten europäisch-britischer Lebensart im Pazifik. Erst vor zwanzig Jahren gab die einstige Sträflingskolonie ihre engstirnige Einwanderungspolitik („white Australia“) auf, die es von seinen asiatisch-pazifischen Nachbarstaaten isoliert hatte.

Dabei führt der Weg zu mehr Wachstum und Arbeit für das 17,3-Millionen-Volk nur über eine engere Anbindung an die Nachbarstaaten im Pazifik. Allerdings fällt es den Australiern nicht leicht, eine Brücke zwischen ihrer einerseits europäisch geprägten kulturellen und demokratischen Tradition, andererseits ihrem freizeitorientierten Australian way of life und dazu noch den völlig andersartigen Einstellungen ihrer asiatischen Nachbarn zu schlagen.

Erst unter dem Druck der wirtschaftlichen Realitäten dachten die Australier allmählich um. Die Rezession und der Abbau protektionistischer Handelshemmnisse zwingen die Volkswirtschaft nun zu einer Umstrukturierung. Und erste Erfolge sind schon sichtbar. Dabei kommt den Exporteuren zustatten, daß die Inflationsrate als Nebenprodukt der Rezession auf weniger als zwei Prozent gefallen ist.