Von Christoph Monzel

SAARBRÜCKEN. – Noch nie seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges waren sich die Deutschen in einer Feindschaft derart einig wie in der gegen Serbien. Erstaunlich ist vor allem, daß rechte wie linke Politiker und Kommentatoren gleichermaßen in Belgrad den Alleinschuldigen am Balkankrieg erkennen wollen. Bemerkenswert ist dabei, daß die einen Serbien als kommunistisch, die anderen ebenso überzeugt als faschistisch bezeichnen.

Ist die Abneigung gegen Serbien nur moralisch motiviert, oder hat sie auch andere Wurzeln? Könnte es sein, daß der lange unterdrückte Zorn, der sich jahrzehntelang in Deutschland gegen die Sowjetunion als Unterdrücker der Ostdeutschen und Spalter des Landes richtete, nun gebündelt gegen Serbien als einziges noch nominell „sozialistisches“ Land gerichtet wird? Man sieht die Serben als die letzten Bolschewisten.

Eine weitere Erklärung der spezifisch deutschen Serbienfeindschaft liegt wohl in der historischen Gegnerschaft zwischen Deutschland und Serbien. Das Balkanland schien vor dem Ersten Weltkrieg für die deutsche Politik der Störenfried schlechthin zu sein. Auch im Zweiten Weltkrieg haben die Serben gegen die Deutschen gekämpft.

Heute ergreifen die Deutschen für ihre ehemaligen Verbündeten Partei: die Kroaten und die Muslime. Daß sie grundsätzlich gemäßigter seien als die Serben, ist eine durch nichts begründete Annahme. Die Neue Zürcher Zeitung schrieb am 15. Oktober 1992 von „Grausamkeiten, die im Teufelskreis der Gewalt von den Bewaffneten aller Seiten begangen werden“. Die Berichterstattung in Deutschland darüber ist nicht wirklich ausgewogen. So erschienen etwa auf einer Ende August 1992 in der deutschen Presse verbreiteten Karte Bosniens neben dreizehn serbischen Lagern auch sieben von den bosnischen Kräften unterhaltene. Was auch in diesen geschehen sein mag, darüber wurde nicht nachgedacht.

Hinter vielen deutschen Stellungnahmen steht offenbar die Meinung, die Serben verfolgten einen sachlich unverständlichen, wahnwitzigen Regionalimperialismus. In einer Illustrierten wurde sogar die Befürchtung geäußert, Serbien werde demnächst auch über die Türkei herfallen. Wer klare Fronten liebt, mag derartiges glauben; aber der Wahrheit entspricht es nicht.

Wahr ist, daß die Serben durch eine tiefe Krise gehen, die der Balkankrieg zeigt und gleichzeitig verschärft hat. Über anderthalb Jahrhunderte fühlten sie sich als „Kernvolk“ des Balkans, dessen geschichtliche Tradition allenfalls mit den Bulgaren zu vergleichen ist. Viele Historiker haben diese Rolle der Serben anerkannt. Es ist kein Zufall, daß der Geschichtsschreiber Leopold von Ranke im 19. Jahrhundert den Serben eines seiner Werke gewidmet hat.