Betriebsstörung bei den Farbwerken Hoechst: Zehn Tonnen Nitroanisol verseuchen einen Teil Frankfurts. Tags darauf heißt es: Keine Gefahr! Doch woher will Hoechst das wissen?

Von Klaus-Dieter Thomann

Beim Frankfurter Chemieunfall verseuchte o-Nitroanisol ein ganzes Stadtviertel. Nachdem der Boden abgetragen, Dächer gereinigt und Straßenbeläge abgefräst worden waren, gaben die Politiker und die Farbwerke Hoechst Entwarnung: Die Gefahr sei gebannt, Anwohner müßten nichts mehr befürchten. Künftige Unglücke sollen durch schärfere Sicherheitsvorkehrungen ausgeschlossen werden.

Schön und gut. Aber wer kann mit Bestimmtheit sagen, daß o-Nitroanisol wirklich harmlos ist und nicht irgendwann, vielleicht in zwanzig Jahren, zu Krebserkrankungen führt? Im Tierversuch hat o-Nitroanisol eine krebsauslösende Wirkung.

Beispiele für Langzeitrisiken gibt es, eines ist das des chemisch verursachten Blasenkrebses. Seine Geschichte zeigt eine Kehrseite jener organischen Chemie, die den Wohlstand großer geographischer Regionen sichert und die unser Leben farbiger, bequemer und lebenswerter gemacht hat. Wir möchten und können weder zu Hause, im Auto, bei der Arbeit noch im Urlaub auf synthetische Farben, Kunstfasern und auf Kunststoffe verachten. Der Preis, den wir dafür zu zahlen haben, sind unbekannte Risiken, Krebserkrankungen und Umweltschäden. Das Vertrauen in schärfere Sicherheitsbestimmungen ist Ausdruck eines Optimismus, der vor allem unser Gewissen beruhigt. Im Falle chemisch verursachter Krebserkrankungen hat er sich immer als kurzlebig erwiesen.

Im August 1893, vor fast hundert Jahren, kam einem Frankfurter Arzt der Verdacht, daß der Blasentumor eines Farbenarbeiters auf chemische Substanzen zurückzuführen sei. Immer wieder hatte der Chemiearbeiter M. nur unter Schmerzen Wasser lassen können und war trotzdem zur Arbeit gegangen. Sein Urin verfärbte sich dunkelbraun und blutig. Erst nach über zehnwöchiger Bettruhe wurde der Urin wieder klar und gelb, die Schmerzen ließen nach. M. nahm die Arbeit wieder auf, bald erlitt er einen Rückfall. Vier Jahre lang ging es auf und ab. Dann war M. am Ende seiner Kräfte.

Wenn einer helfen konnte, dann war es der bekannte Chirurg Ludwig Rehn (1849-1930), Chefarzt am chirurgischen Klinikum der Stadt Frankfurt. Rehn verstand sich auf die neue Methode der Blasenspiegelung und galt als ausgezeichneter Operateur. Am 3. August 1893 nahm er den schwerkranken Patienten auf. Die Spiegelung zeigte, daß sich in der Blase ein Tumor gebildet hatte. Die Geschwulst war aber gutartig, der Kranke konnte sechs Wochen nach der Operation als geheilt entlassen werden.