Der „Bauherr Demokratie“, von Adolf Arndt in die Welt gesetzt, läßt sich gern beschwören, um in der Fülle seiner Widersprüche zu erscheinen: selbstbewußt und kostendämpfend, führungsstark und dem Konsens verhaftet, transparent und funktional.

Auf dem 2. Reichstagscolloquium am letzten Wochenende in Berlin, bei dem über den Spreebogenwettbewerb und die Reichstagsentwürfe debattiert wurde, materialisierte er sich wieder, um mit anderen Geistern am Ort zu konkurrieren: dem Genius loci, der deutschen Vergangenheit, der Kostenfrage, dem Zeitplan des Berlin-Umzugs und den anderen Kleingeistern, die da „Bonner Sonderwünsche“ und „Berliner Ängstlichkeit“ heißen. „Sie haben es jedenfalls nicht kaputtgemacht“, so lautete das minimalistische Resümee der Bundestagspräsidentin Süssmuth, das sie am Ende im Fahrstuhl dem Berliner Stadtentwicklungssenator Hassemer zuflüsterte.

Gewiß, die Geister wurden in Schach gehalten. Aber war es ein Meilenstein, dieses Colloquium, außer der immer wieder gefeierten Tatsache, daß man (noch) im Zeitplan sei? Immerhin, es gab einen Konsens. Insbesondere die Berliner, die ja eine beträchtliche Routine besitzen, urbanistische Debatten als ideologisches Kampffeld über die Zukunft der Stadt zu nutzen, übten sich im Schulterschluß mit Axel Schultes, dem ersten Preisträger im Spreebogenwettbewerb. Doch ansonsten schwankte der „Bauherr Demokratie“ zwischen Ambition und Biederkeit. Die architektonische Lyrik der modernen Demokratie, die „Bürgerebenen“ als „Begegnungsflächen zwischen Politik und Gesellschaft“, die Lichträume über dem Plenarsaal, die Raumdramatik, die Sir Norman Foster, Pi de Bruijn und Santiago Calatrava, die drei ersten Preisträger im Reichstagswettbewerb, den Parlamentariern ansonnen, animierten sie nicht. Verstockt wurde repliziert: „Transparenz muß nicht Glas heißen.“ Nach mehr Intimität wurde verlangt; der Plenarsaal solle kleiner sein.

Das war denn auch das konkreteste Ergebnis des Colloquiums, das Frau Süssmuth verkünden konnte: „die Tendenz in Richtung kleinerer Plenarsaal“. Dieser Konsens zielt eigentlich auf einen bescheideneren Umbau des Reichtstages und mithin auf einen schnelleren Umzug. Aber, meldete sich der „Bauherr Demokratie“ zu Wort: das Parlament müsse auch Selbstbewußtsein und Führungskraft zeigen, und schon gar nicht dürfe der Verdacht aufkommen, es gebe einen schnellen Umzug aus Kostengründen. Die Kostenfrage dürfe nicht, aber auch gar nicht die Entscheidung über die Entwürfe präjudizieren. Das wurde wiederum so oft betont, daß nun jeder die Kostenfrage im Kopfe hatte. Immerhin gab es auch da ein Vorgefühl von Entscheidungsreife: Da Berlin für den Preußischen Landtag 120 Millionen Mark ausgebe und für die Museumsinsel 400 Millionen Mark bekomme, dürfte doch der Deutsche Bundestag sich etwas mehr als eine „Pinselrenovierung“ (Conradi) leisten können. Das klang wie 300 Millionen Mark.

Aber sonst blieben die Teilnehmer in der Lobby ratlos. Axel Schultes konnte anfangs unter großer Zustimmung die ganze staatspolitische Poesie seines Entwurfes entfalten: die „preußische Sprödigkeit“, das städtebauliche Band als Versöhnung von Ost und West, als „gebaute Solidarität der Institutionen“, das zugleich das „Missing link in der Stadtgestalt“ sei. Allein, am Schluß ereilten ihn Vorahnungen. Zu Recht. Der Vertreter des Kanzleramtes übermittelte den Unwillen Helmut Kohls. Mehr „Freistellung“, mehr Repräsentation, dieser Wunsch war nur der Anfang einer langen Mängelrüge des Kanzlers. So wurde denn Schultes am Ende düster. Natürlich könne man, wenn es um die Auslobung der Einzelprojekte gehe, „zwischen den Zeilen jedes städtebauliche Konzept kaputtmachen“.

Für Schultes ist der „Bauherr Demokratie“ jedenfalls ein alter Bonner Bekannter, der sich in Colloquien als Schöngeist beschwören läßt, aber „zwischen den Zeilen“ als Lobbyist agiert. Mitsamt seinen Bonner Erfahrungen, wie man teurer, länger und anders baut, als geplant, scheint dieser Bauherr schon von den Rheinauen zum Spreeufer umgezogen zu sein. Klaus Hartung