Das ist ein Seufzen, Spucken, Zischen, Keuchen und Schnalzen, daß Gott erbarm. Am schwierigsten scheint den Tenören, das vorgeschriebene Kopfrucken mit einer Art Aufschnupfen zu verbinden, wie es Kinder machen, wenn sie mit dem Weinen aufhören. Aber auch das sirenenartige Heulen ist dem Dirigenten nicht präzis genug. Freundlich klopft er auf den Flügel: "Die Viertelnoten müssen deutlicher hörbar sein "

Schon viel hat Karl Scheuber seinem Chor zugemutet, dem Schwulen Männerchor Zürich, kurz "Schmaz" genannt "Laienchöre sind eher bereit, an die Grenze zu gehen", sagt Scheuber. Doch so weit wie bei dieser Schnauf- und Zisch Komposition eines ehemaligen Chormitglieds ist er noch nie gegangen, was Form und Inhalt betrifft. Statt Noten bedecken geometrische Zeichen das Blatt; mit Singen haben die Geräusche nichts mehr zu tun. Vertont wird das Gedicht eines siebzehnjährigen Italieners, der erst seine Mutter umbrachte, weil sie ihm die Autoschlüssel verweigerte, darauf seinen Vater mit einem Plastikbeutel erstickte und - nach weiteren Morden - schließlich sich selbst tötete.

Karl Scheuber hat seinen Chor vor zwei Jahren gegründet, nachdem er den Auftritt eines amerikanischen Schwulenchors miterlebt hatte. Klanglich, sagt Scheuber, hat sich sein Ensemble sehr schnell gefunden. Er weiß, warum: "In gemischten Chören schwingt immer der Geschlechterkampf mit. Bei uns herrscht eine Offenheit, die sich auch in der Musik auswirkt "

Auch andere Schwierigkeiten, mit denen die meisten Chöre heute zu kämpfen haben, kennt der Schmaz nicht. Verzweifelt buhlen die Chorleiter sonst um Männerstimmen. Denn Männer sehen lieber "Tatort", als sich auch am Feierabend herumdirigieren zu lassen. Karl Scheuber jedoch kann aus dem vollen schöpfen, denn das zusammen Singen stärkt das Zusammengehörigkeitsgefühl der Randgruppe "Nur bei den Bässen hapert der Nachschub", sagt Scheuber "Dafür haben wir begeisterte Falsettsänger. Viele Schwule können gut falsettieren und tun es auch gern "

Karl Scheuber hat das einfache Wort "schwul" lieber als das gestelzte "homosexuell". Daß er selbst nicht ist wie andere Männer, habe er geahnt, noch bevor er es formulieren konnte, sagt er Überhaupt scheint ihm im Rückblick seine Kindheit und Jugend in einem kleinen Thurgauer Bauerndorf "recht schauerlich". Wer nicht zurückschlagen mochte, wurde verachtet "Und in der eigenen Familie war es unmöglich, sich zu öffnen. Von den Dingen, die wirklich wichtig sind, sprachen wir nie "

So schien er sich, zur Freude seiner Mutter, ganz nach ihren Wünschen zu entwickeln. Sie hatte Lehrerin werden wollen - also wurde ihr Sohn Lehrer. Sie hatte Klavier spielen wollen also lernte er Klavier spielen. Erst als sie in einem Zeitungsinterview von der Gründung des Schmaz erfuhr, fiel für sie eine Welt zusammen. Ihre Hauptsorge: "Wie geht es dir bloß im Alter?"

Nun, der fünfzigjährige Karl Scheuber ist bestens eingebettet ins Leben, auch beruflich. Am Konservatorium Zürich betreut er ein Chorleiterseminar und verschiedene Laienkurse. Er ist Mitglied der Musikkommission der honorigen Tonhalle Gesellschaft Zürich, steht dem Städtischen Musikpodium vor, wurde mit Musikpreisen geehrt - und lebt in einem der schönsten Quartiere Zürichs in harmonischer Wohngemeinschaft mit zwei Musikern und einer Sängerin.