Was Dada denn nun eigentlich ist, was es heißt, wer es erfunden, wo es gelebt hat, von wem es gefüttert wurde, wer es bekämpft hat, wann es gestorben ist und was es uns heute überhaupt noch zu sagen hat – das kann man im großen und ganzen in dem von Raoul Schrott liebevoll herausgegebenen Dada-Lesebuch erfahren, aus dem die Zeichnungen auf unseren Literaturseiten stammen (Dada 15/25; Post Sriptum oder Die himmlischen Abenteuer des Hr.n. Tristan Tzara und ein Suspensorium von Gerald Nitsche zu Eide Steeg & Raoul Hausmann; Haymon-Verlag, Innsbruck 1992, 392 S. zahlreiche Abbildungen, 138,– DM).

Dada gab es in Zürich, „dieser sauberen wie ein frühstücksservice vernickelten Stadt“, und in Paris. Erfunden haben es der dickliche Musterschüler Tristan Tzara aus Rumänien und der mystische Asket mit dem Turnlehrergesicht, Hugo Ball aus Pirmasens. Die Details sind umstritten. Sicher ist nur: Statt auf den Schlachtfeldern des Ersten Weltkrieges veranstalteten die Dadaisten ihren Unsinn im Hinterzimmer des Zürcher Restaurants „Meierei“: im Cabaret Voltaire, richtig beantragt, mit Brief und Bitte um gefl. baldige Concedierung. „Der Herr Gewerbekommissär“, schreibt der „Meierei“-Besitzer an den Polizeivorstand von Zürich im Jahr 1916, „ist mit mir der Meinung, daß ein solches Unternehmen für die Stadt Zürich nur interessant und begrüßenswert zu nennen sei.“ Die Künstler erheben sogar eine Garderobengebühr von fünfzig Centimes.

Was das nun sollte? Prostest gegen das Versagen und den Bankrott der europäischen Kultur, die zum Krieg geführt haben. So sagen die einen. Kampf dem „Aaligen, dem Journaligen, dem Netten, Adretten, Vermoralisierten und Gezierten“. So die anderen. Der Ekel vor der „Miene der Bequemlichkeit, dem Parfüm der Migräne“ in den wilhelminischen Grütze-Gesichtern verband sie alle.

Die Dada-Dokumentation von Raoul Schrott zeigt auch die Kehrseite der Rebellion. Die Auszüge aus den Manifesten und vor allem der Briefwechsel zwischen Tristan Tzara, Hugo Ball, Richard Huelsenbeck, Ferdinand Hardekopf, Hans Arp, André Breton, Walter Serner, Francis Picabia, Kurt Schwitters und vielen anderen verraten den Ordnungssinn, die Vereinsetikette, den Sehrgeehrten-Briefverkehrston der Herren Dadaisten. Als in den zwanziger Jahren endlich das Dada-Gewerbe mit Dada-Editionen, Dada-Musik, Dada-Tourneen („viel Reklame vorher“) ordentlich blüht, schlägt die Stunde der Bürokraten. Zwischen Zürich, Paris und Berlin entbrennt auf dem Postweg die Debatte um den Titel des „echten Dadaisten“, des Ur-Dadaisten, auf den Tzara, Serner und Huelsenbeck verbissen Ansprüche erheben. Das ist das Ende. Tristan Tzara heiratet. Die letzten Photos aus dem „Haus Tristan Tzara in Paris“ zeigen die Wohnstube des Künstlers. Tischchen und Stühlchen aus Naturholz, Blumenvase auf Blumenvasendecke, Negerplastik am Kamin.

Iris Radisch