Von Bartholomäus Grill

Pietermaritzburg

Die Männer des Dorfes haben sechs tiefe Löcher in die rote Erde gegraben. Die Frauen klagen an den sechs Särgen. Heute werden die Kinder von Mboyi beerdigt. Das ganze Tal ist am Fuße des Tafelbergs zusammengeströmt. Nein, dies ist nicht jener malerische Felsenriese vor Kapstadt, sondern ein Bergmassiv im Herzen der Provinz Natal. Dorthin wagt sich kein Tourist. Hier regiert der Terror.

Auf den Bergkuppen ringsum haben Sonderkommandos der Armee Panzerwagen aufgefahren. Polizeistreifen patroullieren über die staubigen Feldwege. Hunderte von Zulu-Kriegern umringen die Trauergemeinde. Sie stampfen, brüllen und fuchteln mit ihren Schilden und Speeren. Junge Männer verbergen Pistolen unter ihren Hemden.

Etwas abseits steht Edwin Chiwanza. Der Diplomat aus Simbabwe gehört zu den Beobachtern, die die Organisation der Afrikanischen Einheit (OAU) in die Krisenregion Natal entsandt hat. Ihre Anwesenheit soll die Eskalation der Gewalt verhindern. Edwin Chiwanza deutet auf einen Bergrücken im Nordosten. Dort oben wurden die sechs Kinder, die in einem Toyota-Minibus unterwegs zur Schule waren, von Männern in Armeeuniform abgeschlachtet.

Mutter Mkhize ist vor einem der Särge zusammengesunken. Drei ihrer Söhne wurden vom Kugelhagel aus AK-47-Schnellfeuergewehren zerfetzt. Sie hat sie kaum mehr wiedererkannt. Thulani war neunzehn, Nduna dreizehn und Thule gerade neun Jahre alt. Der Anschlag hatte eigentlich einem Verwandten der ermordeten Brüder gegolten, einem Funktionär der konservativen Inkatha Freedom Party (IFP).

Die Südafrikaner sind an Mord und Totschlag gewohnt. Sie leben schließlich, wie sie selber in einer sonderbaren Mischung aus Abscheu und Gleichmut sagen, im gewalttätigsten Land der Welt. Todesstatistiken werden hier wahrgenommen wie Cricket-Tabellen. Doch das Massaker unter dem Tafelberg, verübt an unschuldigen Kindern, hat selbst die Hartgesottenen schockiert.